Wie ein milder Winter Landwirtschaft und Natur verändern könnte

Kampf um Klima und Knolle

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Die Knollen, die bei der Kartoffelernte durch das Sieb gefallen sind, könnten ihre Schädlinge bis in die nächsten Anbaujahre tragen, wenn die Kartoffeln nicht im Boden erfrieren.

Uelzen/Landkreis. Landwirte, Forstwirte, Naturschützer und Wetterexperten schauen derzeit in den Himmel und fragen sich, was sich am Himmel zusammenbraut.

Was dort derzeit passiert? Ein „ewiger Kampf“, sagt Wetterexperte Reinhard Zakrzewski, und wer in den kommenden Wochen diesen Kampf gewinnt, bestimmt das Tagewerk von Arbeitspferden im Uelzener Forst, die Zukunft der Heidekartoffel und das Liebesleben der Kröten.

Die Akteure des ewigen Kampfes sind Ostwind und Westwind: kalt gegen warm, kontinental gegen ozeanisch. Kalte Luft drängt von Osten heran, könnte für einen harten, kalten Winter sorgen. Zurückgehalten wird sie derzeit von mildem Wetter aus Westen, das in die Gegenrichtung drückt und Regen und vergleichsweise hohe Temperaturen mit sich bringt.

Reinhard Zakrzewski könnte für die Langzeitprognose 40 unterschiedliche Modelle der kommenden Wochen zu Rate ziehen. Große Unsicherheiten gibt es da, meint er. „Die Tendenz beim deutschen Wetterdienst ist aber, dass der Winter zu mild ausfällt“, sagt er. Gegen Mitte des Januars könnte es kälter werden, aber es bliebe im Schnitt bei knapp über null Grad. „Die Frage ist: Wie stramm ist die Westströmung“, sagt Zakrzewski. Bleibt sie stark, bleibt es mild.

Und das hat seine Auswirkungen. Thomas Göllner, Leiter des Uelzener Stadtforstes, nervt mildes Wetter vor allem wegen des derzeitigen Holzeinschlages. „Wir haben gern gefrorene Böden, damit wir gut arbeiten können“, sagt er. Wenn Holz geschlagen wird, ist es für die Arbeitspferde, die geschlagene Bäume aus dem Wald ziehen, sowie für die Maschinen schwer, wenn sie dabei durch Morast waten müssen – wie jetzt. In puncto Tiere sieht Göllner einen klaren Pluspunkt von mildem Wetter. Einer von Göllners Hauptfeinden, der Borkenkäfer, übersteht milde Winter schlecht: „Der Käfer fällt im Winter in eine Winterstarre. Ist es statt trocken-kalt aber feucht-kühl, können die Käfer von Schimmelarten befallen werden. Die wachsen in dem Käfer und töten ihn ab“, so Göllner.

Ein zu milder Winter könnte außerdem für Schwierigkeiten beim Kartoffelanbau sorgen. Dr. Jürgen Grocholl, Leiter der Bezirksstelle Uelzen der Landwirtschaftskammer (LWK) Niedersachsen, erklärt, dass ein harter Winter üblicherweise sogenannte „Ausfallkartoffeln“, also bei der Ernte durchs Sieb gefallene Kartoffeln, abtötet. Geschieht das nicht, überleben die Kartoffeln, wachsen im Frühjahr und stehen dann quasi als „Unkraut“ auf einem Acker, der für eine andere Feldfrucht genutzt werden soll. Außerdem lassen die überlebenden Kartoffeln auch einen Schädling mit überwintern: eine Fadenwurm-art, die an den Wurzeln saugen und ihre Eier in die Pflanzen abgeben. „Die einzige gute Bekämpfung gegen diese Würmer ist eine Pause“, so Grocholl, also habe man für mindestens zwei Jahre keine Kartoffeln auf dem Acker. Überleben die Würmer aber die beiden Winter bis zur nächsten Kartoffelanbauzeit, befallen sie die Knolle umso stärker. Die Kartoffel ist die Vorzeigefrucht des Landkreises Uelzen, kein anderer Landkreis in Niedersachsen produziert mehr. Allerdings werde der Winter von Landwirten auch zwiespältig gesehen, sagt Grocholl. Viele Getreidesorten – beispielsweise Weizen oder Raps – werden noch im Herbst gepflanzt und überwintern dann als kleine Pflanze. Ist der Winter zu hart, sterben die Pflanzen. „Wenn es kalt werden sollte, brauchen sie eine dünne Schneeschicht“, so Grocholl. Denn der Schnee isoliere vor der Kälte - Schnee ist kalt, aber eben nicht zu kalt. Eine „Daunendecke“ nennt das der Uelzener LWK-Leiter.

Der Uelzener NABU-Leiter Peter Block derweil macht sich auch so seine Sorgen - in seinem Fall um das Liebesleben der Amphibien. „Die Kröten könnten leicht irritiert sein“, so Block. „Es besteht die Gefahr, dass die jetzt Frühlingsgefühle bekommen und sich auf den Weg machen, um ihre Laichgewässer zu finden“. Block erinnert an das vergangene Jahr, wo der Winter auch erst spät einsetzte. Damals habe die innere Uhr der Amphibien aber gut funktioniert, dennoch macht er sich so seine Gedanken über die Häufung von späten Wintern.

Aber noch ist das alles Spekulation. Reinhard Zakrzewski wird weiter den Himmel beobachten. Und abwarten, ob schließlich der kalte Ostwind doch den milden Westwind besiegt.

Von Kai Hasse

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