Der Anti-Held

Kabarettist Lennart Schilgen begeistert mit hintergründigem Humor

+
Er trägt Gedichte vor, singt schwarzhumorige Lieder: Kabarettist Lennart Schilgen hat nun sein neues Programm „Verklärungsbedarf – Lieder vom Schwarzmalen und Schönfärben“ im Neuen Schauspielhaus präsentiert. 

Uelzen – Er ist erst 31 Jahre alt und zählt zu den großen Nachwuchshoffnungen des deutschen Kabaretts. Nicht nur, dass er in diesem Jahr einen Jury-Preis des Prix Pantheon erhielt und von der Hanns-Seidel-Stiftung ausgezeichnet wurde.

Lennart Schilgen brachte nach Uelzen auch sein neues Programm „Verklärungsbedarf – Lieder vom Schwarzmalen und Schönfärben“ und eine ganze Reihe frisch gepresster CDs mit, die er in der Pause im Neuen Schauspielhaus locker abverkaufte.

Er trägt Gedichte vor, singt schwarzhumorige Lieder: Kabarettist Lennart Schilgen hat nun sein neues Programm „Verklärungsbedarf – Lieder vom Schwarzmalen und Schönfärben“ im Neuen Schauspielhaus präsentiert.

Hat er in so jungen Jahren seinen Stil schon gefunden? Der 31-Jährige mit dem Nussknacker-Lächeln und den weiten Augen erinnert im Sprachstakkato in den Überleitungen an den Komiker Johann König und in der Form, wie er seine Lieder vorträgt, auch an Reinhard Mey. Der ließ ihm schon per Anwalt mitteilen, er solle keinen Song von ihm nachspielen und umtexten. Also singt er im Mey-Stil „Am Tag, als ich Post von Meys Anwalt erhielt“. Und die Parodie auf Reinhard Mey in Gesang und Gitarrenspiel wird zu einem Kracher in der ersten Hälfte des Programms. Das ist einfach exzellent, wie er den Liedermacher nachahmt – und Schilgen zeigt, dass er selber einer ist. Er wolle da nicht feige schweigen, singt Schilgen. Und man kann wirklich nicht sagen, er ranke sich an Mey empor.

Nein, Schilgen ist er selbst und singt schon mal ein Liebeslied: „Ich mag dich mit Abstand am liebsten, mir war gleich klar, du bist unerreichbar – und ich hoffe, dass es so bleibt.“ Er trägt Gedichte vor, besingt die Berliner Ringbahn ebenso wie die Windkraftanlagen Norddeutschlands („Die Riesen der norddeutschen Wiesen“). Und ist doch vor allen Dingen ein Anti-Held, der sich nicht entscheiden kann („Ich lass’ es nur geschehen.“)

Schilgen steht auch im „Party-Lied“ im lakonischen Abseits, zählt beim Rock’n’ Roll gemeinsam mit dem Publikum nur zu den Kopfnickern und fordert von seinen Gästen nach einem kleinen Exkurs in Sachen kant’scher Aufklärung in einem Lied: „Erhebt die Faust der Entschlossenheit – wir entscheiden uns nicht!“ Bei all dem ist der Berliner, ob am Piano oder der Gitarre, nah beim Publikum und ist ein scharfsinniger Beobachter mit hintergründigem Humor, der doch immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen ist.

„Selbstzerfleischung ist schon ein Teil von mir“, sagt Lennart Schilgen in der zweiten Programmhälfte. Und so ist er, was viele Künstler längst abgestreift haben: authentisch und nicht automatisch. Leichtfüßig sind bei ihm auch schwarzhumorige Lieder. So erspielt er sich zwei Zugaben beim Publikum. Und hat seine Zuschauerzahl im Vergleich zum ersten Auftritt im Schauspielhaus schon mehr als verdoppelt. Eine starke Entwicklung für einen Anti-Helden bei Novemberwetter.

VON CHRISTIAN HOLZGREVE

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare