Von Woche zu Woche

Jetzt ist Deutschland am Zug

„Herzlich willkommen in Deutschland. Sie sind in der Stadt Uelzen angekommen. Bitte bleiben Sie ruhig, die Türen werden nach den Durchsagen gleich geöffnet...“

Das sind die ersten Sätze, die die Männer, Frauen und Kinder in den Flüchtlingszügen bei ihrer Ankunft am Hundertwasser-Bahnhof in der vergangenen Woche in verschiedenen Sprachen hörten.

Das Erste, was sie sahen, waren die ehrenamtlichen Helfer, die sich entlang des Gleises 301 aufgestellt hatten, um die Angekommenen in Empfang zu nehmen – von den Dolmetschern über Feuerwehrkameraden bis zu den Betreuern der Bahnhofsmission, den Freiwilligen der Flüchtlingshilfe und den Rettungskräften des DRK. Es gäbe noch viele mehr zu nennen. Bei ihnen allen war bei jeder der bisher vier Zugankünfte der Wille zum Helfen zu spüren. Stets einfühlsam begegneten sie den Flüchtlingen, jede Frage wurde geduldig beantwortet. Dabei waren es immer auch belastende Situationen für die Helfer. Die Flüchtlinge waren teils aufgewühlt, teils völlig erschöpft. Kinder weinten. Bei dem Großteil der Dolmetscher am Bahnhof handelt es sich selbst um Flüchtlinge – mit jeder Zugankunft wurden Erinnerungen an die eigene Flucht wieder lebendig. „Aber ich kann nicht anders, als zu helfen. Immer wieder“, sagte ein Dolmetscher am Dienstag.

Um so fataler ist es, dass die Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland teils choatisch erfolgt. Verlässliche Aussagen fehlen. Die Kommunikationswege sind viel zu lang. Das Innenministerium macht der Polizeidirektion Angaben, diese gehen weiter an die Uelzener Leitstelle, die wiederum informiert Mitarbeiter des Landkreises am Bahnhof. Es spielten sich abstruse Szenen ab: Während am Dienstag den Mitarbeiter des Landkreises die Nachricht erreichte, dass der Zug wohl in einer halben Stunde eintreffen werde, erfuhr das DRK von Helfern aus dem Innern des Zuges, dass das nicht stimmen kann. Ein Planungsstab auf Landkreisebene, der die Flüchtlingsankünfte vorbereiten soll, wurde zwar gebildet, verhindern konnte er solche Szenen aber nicht. So mussten Helfer über Stunden ausharren, weil es keine klaren Aussagen zu den Zugankünften gab. Das reibt die Ehrenamtlichen auf, die in ihrer freien Zeit – also neben ihrem Beruf – sich um die Flüchtlinge kümmern.

Die Folgen waren bereits in dieser Woche zu sehen. Am Mittwoch verließen die meisten Dolmetscher noch vor der Ankunft des Zuges den Bahnhof – Stunden hatten sie dort ausgeharrt. Es blieben vier für 400 Flüchtlinge. Wären sie nicht gewesen, es hätte keine Dolmetscher gegeben. Denn zwar hatte der Landkreis beim Land Ersatzdolmetscher angefordert, doch gekommen war keiner. Das DRK-Team befand sich wegen der Zugverspätungen über Stunden in Bereitschaft. Die Mitglieder sind teils auch im Beruf Rettungskräfte und müssen ausgeschlafen sein. Angesichts der fehlenden Verlässlichkeit werden jetzt schon Hilfsanfragen abgelehnt. Es wird deutlich, was passiert, wenn nicht bald die Flüchtlingsaufnahme strukturierter verläuft. Es werden weniger Ehrenamtliche für die Aufgaben zu finden sein. Die Leidtragenden sind dann die Flüchtlinge, denen man doch eigentlich bestmöglich helfen will.

Von Norman Reuter

Rubriklistenbild: © Reuter

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