„Irgendwann war klar, was er wollte“

+
Vor dem Landgericht Lüneburg wird bis mindestens Februar die Überfallserie auf junge Frauen verhandelt.

Uelzen - Von Thomas Mitzlaff. Als Claudia K. (Name geändert) am 1. August 2010 gegen 3.45 Uhr die Gaststätte an der Dieterichsstraße verlässt, fällt ihr der junge Mann auf, der auf der anderen Straßenseite auf einer Mauer sitzt, den Kopf auf die Arme gestützt und nach unten gebeugt, eine Kapuze auf dem Kopf. „Ich dachte, er ist betrunken oder er schläft“, schildert die 23-Jährige. Bis zu ihrer Wohnung in der Ernststraße sind es nur wenige hundert Meter. „In der Gartenstraße habe ich dann hinter mir ein Schnaufen gehört und dann ist es schon passiert.“

Im Prozess um die Überfallserie auf Frauen in der Uelzener Innenstadt schildert gestern mit Claudia K. erstmals ein Opfer, wie sich die schlimmsten Minuten ihres Lebens abspielten und wie brutal die zwei Attacken des Angreifers waren.

„Er hat mir von hinten den Arm um den Hals gelegt, mich zu Boden gerissen und ständig gewürgt“, schildert Claudia K. Der Angreifer liegt auf ihr, die 23-Jährige versucht vergeblich, mit ihren Händen den Arm von ihrem Hals zu ziehen: „Er war einfach zu stark“.

Irgendwie schafft es die junge Frau sich zu befreien, sie lässt Schuhe und Handtasche liegen und rennt zurück in Richtung Kneipe. „Ich wollte nur noch weg, mir war alles egal“, sagt sie. Doch ihr Peiniger ist schneller. Erneut nimmt er die Frau von hinten in den Würgegriff, wieder drückt er zu. „Irgendwann hat er mir an die Brust gefasst und dann war es klar, was er wollte.“

Claudia K. schreit laut um Hilfe, Anwohner werden auf den Überfall aufmerksam. Sie kann sich wieder befreien, läuft zurück in die Gaststätte. Doch es vergehen noch wertvolle Minuten, bis schließlich jemand die Not der jungen Frau versteht und die Polizei alarmiert.

Auf der Anklagebank sitzt Dennis M. Er soll laut Staatsanwaltschaft zumindest drei der sechs nächtlichen Überfälle begangen haben, der 29-Jährige bestreitet die Vorwürfe. Identifizieren kann ihn keines der Opfer. Immer wieder schüttelt der junge Mann bei den Ausführungen der Zeugin den Kopf. Seine Größe passt auf deren Beschreibung, er hatte Kratzspuren am Arm und war zwei Mal in Tatortnähe vorläufig festgenommen worden. Unter anderem mit Hilfe von Gutachten und DNA-Spuren hofft die Staatsanwaltschaft den 29-Jährigen, der in Untersuchungshaft sitzt, zu überführen – es dürfte ein schwieriger Indizienprozess werden, in dessen Verlauf auch zwei weitere Opfer, 15 und 16 Jahre alt, aussagen müssen.

Der Vorsitzende Richter Matthias Steuernagel zeigt sich sensibel bei der Befragung der Frau, zwei Justizbeamte stellen den Zeugentisch an eine andere Stelle, damit Claudia K. möglichst weit entfernt von dem Angeklagten sitzen kann. Als er in Handschellen in den Saal geführt worden war, hatte die 23-Jährige immer wieder zu jenem Mann sehen müssen, der schuld sein soll, dass sich ihr Leben so drastisch verändert hat.

Das Opfer begab sich in psychiatrische Behandlung, ist umgezogen. In den ersten Wochen nach der Tat konnte die junge Frau nicht schlafen, geriet bei jedem Geräusch in Panik. Noch heute traut sie sich nicht allein bei Dunkelheit durch die Stadt zu gehen, „ich nehme immer das Auto oder ein Taxi“, sagt sie leise.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare