„Im Interesse des Rufs und der politischen Kultur der Stadt“

Hans-ChristophSeebohm

Uelzen - Von Marc Rath. In der heutigen Kulturausschusssitzung (ab 15 Uhr im Rathaus) beschäftigt sich die Kommunalpolitik wieder öffentlich mit dem seit Wochen schwelenden Uelzener Straßenstreit. Am Montag soll inder Ratssitzung die Entscheidung fallen, ob die nach dem ehemaligen Uelzener Bürgermeister Johann Maria Farina und dem langjährigen Bundesverkehrsminister Hans-Christoph Seebohm benannten Straßen neue Namen erhalten werden.

Der heutigen Sitzung wird dabei die Rolle einer politischen Standortbestimmung zukommen, nachdem der von der Stadt konsultierte Vorsitzende der Historischen Kommission Niedersachsens, Prof. Thomas Vogtherr, eine neuerliche Stellungnahme abgegeben hat (AZ berichtete) und aus Kreisen der Initiative „Keine Nazi-Straßen in Uelzen“ etliche Dokumente aus den 50er und 60er Jahren vorgelegt wurden. Neben ihrer Verstrickungen während der NS-Zeit geht es bei Seebohm auch um dessen Rolle und umstrittene Äußerungen als Vertriebenen-Politiker in der jungen Bundesrepublik.

Das Abstimmungsergebnis am Montag dürfte knapp ausfallen, da die SPD/FDP-Mehrheitsgruppe die Abstimmung freigeben will. Während die Grünen für eine Umbenennung plädieren, herrscht bei den Christdemokraten Konsens für eine Beibehaltung der Namen.

Unterdessen haben auf Initiative von Eckehard Niemann am vorigen Wochenende mehr als 70 Unterzeichner aus dem gesamten Landkreis per Anzeige in der AZ öffentlich für eine Umbenennung beider Straßen plädiert – darunter auch die in Natendorf lebende Krimi-Autorin Doris Gercke, die Grünen-Fraktionssprecher im Uelzener Stadtrat und Kreistag, Ariane Schmäschke und Martin Feller, sowie Linke-Kreisvorsitzender und Ex-Bundestagskandidat Enrico Schülbe. „Mit Blick auf die Würde der Opfer des nationalsozialistischen Systems und im Interesse des Rufs und der politischen Kultur in Stadt und Kreis Uelzen“ bitten sie den Stadtrat, eine Umbenennung vorzunehmen. Niemann war im Zuge des Streits als Graffiti-Sprüher gegen das Happy-Seebohm-Fest in Aktion getreten und von der Polizei gestellt worden, was zu seinem Rückzug vom Amt des Pressesprechers der Bürgerinitiativen gegen die A 39 führte.

Die Stadt hat auch öffentlichen Protokolle der Entscheidung für die Seebohmstraße vom Dezember 1969 ins Internet gestellt. Daraus und aus Äußerungen von Zeitzeugen geht hervor, dass eine Entscheidung für Seebohm zu der Zeit politisch nicht als problematisch angesehen wurde. Bedenken gab es damals dennoch – die neue Straße im Gewerbegebiet könnte nicht repräsentativ genug für den prominenten Politiker sein.

Seitdem sind jedoch durch weitere Forschungsergebnisse neue Informationen über Seebohms Rolle bei der Arisierung des nordböhmischen Bergbaus bekannt geworden. Vogtherr attestiert ihm hier die Rolle eines Nutznießers, „allem Anschein nach“ aber keine „irgendwie treibende Rolle“.

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