Wie der Jugendmigrationsdienst auf die Herausforderung reagiert

Integration trifft in Uelzen auf Corona

Mit Fun-Boxen und Bastelmaterial: Die Teammitglieder von JMD, Migrationsberatung und „2. Chance Plus“ an der Luisenstraße in Uelzen.
+
Mit Fun-Boxen und Bastelmaterial: Die Teammitglieder von JMD, Migrationsberatung und „2. Chance Plus“ an der Luisenstraße in Uelzen.

Uelzen – Es ist acht Uhr morgens, da ist Annika Quednau schon voll im Film. Der Schreibtisch in ihrem kleinen Büro sei nicht so ganz aufgeräumt, entschuldigt sie sich.

Aber die Leiterin des Jugendmigrationsdienstes (JMD) ist dafür blendend vorbereitet und hat ihrem Besucher schon mal Überblicksgrafiken zum Kursangebot ausgedruckt. Denn, immerhin, es ist Corona-Teillockdown. „Und wir machen eine ganze Menge“, versprach sie schon am Telefon.

Daran führt wohl auch kein Weg vorbei. Denn immerhin rund 2000 Menschen erreichen JMD, die Migrationsberatung und die „2. Chance Plus“, die Schulabsentismus bearbeitet, im Jahr. An der Luisenstraße 55 ist für Jugendliche und Kinder etwas dabei, für die Eltern und die jungen Erwachsenen bis 27 Jahren. Der JMD, der zum CJD in Göddenstedt gehört, bringt es bei seinem Angebot auf 400 „Kunden“. Und die sind wegen Corona eigentlich schlechter zu erreichen.

Eigentlich vor allem deshalb, weil das Kursangebot wie die Gruppenangebote mit Theatergruppen, Mädchengruppe sowie das gemeinsame Kochen und Abendessen etwa von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund nicht wie gewohnt stattfinden können. Und auch die Hausaufgabenhilfe wurde komplett umgestellt: Die Mitarbeiter helfen nur noch im Einzelunterricht. Dann wird gelüftet und desinfiziert. Und der Nächste kann kommen.

Das wäre für den JMD dann auch nur eine Corona-typische Vorgehensweise. Doch die Sozialarbeiter und -pädagogen machen mehr daraus. Sie kommen jetzt mit Starter-Paketen für junge Eltern, mit Bastelmaterialien und mit Fun-Boxen zu den Kindern und Jugendlichen. So hat die Mädchengruppe schon Traumfänger basteln können und arbeitete in der zweiten Novemberwoche mit Speckstein, Meißel und Schutzbrille. Die Stadt Uelzen hat Geld für Bastelmaterialien bereitgestellt. Und im Kochprojekt, das von der Aktion Mensch gefördert wird, kocht jetzt zwar jeder zu Haus. Aber über die sozialen Kanäle von WhatsApp oder Instagram und Facebook werden Ergebnisse präsentiert.

Theatergruppen: Filme statt Auftritte

Und der Austausch unter den Teilnehmern findet statt. Quednau: „Das klappt besser, als wir gedacht hätten. Das ist wichtig, damit die Gemeinschaft nicht verloren geht.“

So halten die Sozialarbeiter einerseits den direkten Kontakt. Andererseits setzen sie auf das Digitale, um Projekte am Laufen zu halten. So bereiten die Theatergruppen Filme statt Auftritte vor, die Kochgruppe bekommt ihre Zutaten geliefert und nicht zuletzt schicken die Teilnehmer Bilder und Botschaften.

Der JMD, vernetzt mit 140 ähnlichen Anlaufstellen im gesamten Bundesgebiet, hat in diesem Corona-Jahr auch bittere Erfahrungen gemacht. „Häusliche Gewalt und psychische Krisen haben zugenommen“, sagt Quednau. Ihre Mitarbeiter, geschult in Trauma-Psychologie, erleben, dass Erlebnisse aus Kriegs- und Krisengebieten im Corona-Jahr wieder aufbrechen. „Gerade im März und April war es ganz schlimm“, sagt Quednau und betont, dass der JMD weiter Krisengespräche und längere Coachings anbietet. „Wir gehen hier raus in den Garten oder machen Spaziergänge.“

„Ja“, sagt Annika Quednau, „was wir bemerken, ist, dass es denjenigen, die psychisch nicht stabil sind, noch schlechter geht.“ So sind zum Beispiel wegen Corona die Integrationskurse kleiner geworden. Und viele junge Erwachsene „hängen zwischen Schule und Beruf in der Luft: kein Platz in der Schule, keine Integrationskurse, keine Lehrstellen. Wir versuchen, eine Tagesstruktur aufrecht zu halten“.

Aber auch für die Jüngeren ist das Corona-Jahr eine Herausforderung. „Sie kommen oft aus Familien, die nicht viel haben, sich die Kinder ein Zimmer teilen müssen und die nicht so digital ausgestattet sind“, gibt Quednau zu bedenken. „Da ist es dann schwierig mit dem Homeschooling und Online-Unterricht – zumal, wenn die Eltern kein Deutsch sprechen.“

Im Frühjahr wussten sich die Sozialpädagogen schon zu helfen – und reichten nach Kontaktaufnahme mit Lehrer und Schüler schon mal ausgedrucktes Unterrichtsmaterial aus dem Fenster. Nebenher erklärten sie noch Erwachsenen die Corona-Regeln – und jetzt im November kann Weihnachten kommen. Nach so vielen Paketen, wie sie schon gepackt haben, fühlt es sich schon „ein bisschen“ nach Weihnachten an, lacht Quednau. „Mal sehen, wie es mit Corona weitergeht. Wir arbeiten schon an digitalen Jahresrückblicken – und es gibt ne’ Kleinigkeit für unsere Leute.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare