Seit sechs Jahren läuft das Methadon-Verfahren gegen einen Uelzener Arzt – ein Ende ist nicht in Sicht

„Ich lebe praktisch neben mir“

22. Mai 2006: Drogenabhängige Patienten werden vor der Tür des Uelzener Allgemeinmediziners von der Polizei abgewiesen...

Uelzen. Das Datum weiß er noch ganz genau: „22. Mai 2006“, antwortet der Arzt impulsiv und wie aus der Pistole geschossen. Sonst ist der 45-Jährige eher ein bedächtiger, nachdenklicher Mann.

Doch es gibt Eckpunkte im Leben, die vergisst man nie – auch nicht im negativen Sinne. Der 22. Mai 2006 ist für Markus M. (Name geändert) so ein Tag. An diesem Datum brach seine berufliche Existenz weg. Und, viel schlimmer: „Seitdem stehe ich irgendwie neben meinen Körper. Die Möglichkeit zu leben ist getötet worden in mir, dennoch lebe ich aber weiter – praktisch neben mir. “.

...während Beamte von Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei Computer und Akten beschlagnahmen. Archivfotos: Mitzlaff

Markus M. wollte den Schwachen in dieser Gesellschaft helfen, er war einer von zwei so genannten Substitutionsärzten in Uelzen. Der Allgemeinmediziner verabreichte schwerstabhängigen Menschen die Ersatzdroge Methadon. Ein schwieriger Job, denn Junkies lügen, stehlen und brechen auch ein, um an den Stoff zu kommen. Für M. war es mehr als ein Beruf, für ihn war es Berufung. Staatsanwaltschaft und Polizei werfen dem Arzt vor, dass er dabei jedes Augenmaß verlor. Wenn etwa Abhängige aus Lüneburg anriefen und sagten, sie schafften es nicht nach Uelzen, schickte M. den Stoff auch schon mal mit dem Taxi auf die Reise.

Das Landgericht Lüneburg sah darin die Gefahr des kontrollierten Verbrauchs wie auch die Möglichkeit, dass das Methadon stattdessen auf dem Schwarzmarkt landete. Bewiesen werden konnte das letztlich aber nicht. Die 2. Große Strafkammer sah in dem Uelzener Arzt keinen „Dealer in Weiß“, der aus reinem Gewinnstreben gehandelt habe. Vielmehr habe er „aus falsch verstandener Hilfsbereitschaft gegenüber seinen Patienten die Grenzen der ordnungsgemäßen Substitution überschritten“.

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Markus M. wehrt sich dagegen, er wehrt sich gegen die Verurteilung zu anderthalb Jahren Gefängnis auf Bewährung. „Ich habe eine optimale Behandlung geboten, die entsprechend abgerechnet wurde, ich bin immer in meinem Ermessensspielraum geblieben“, sagt er heute. Er fühlt sich missverstanden von Staatsanwältin, Gericht – und auch vom eigenen Anwalt. Die medizinischen Aspekte und die juristische Ebene dieses Verfahrens abzugleichen, sein Verhalten als Arzt juristisch zu beurteilen, das habe niemand hinbekommen, sagt M.

Deshalb ist er den Schritt zum Bundesgerichtshof allein gegangen, ohne Anwälte. Nur zwei Wochen hatte er Zeit für seine Begründung der Revision. Der 45-Jährige wälzte juristische Fachlektüre und reichte schließlich sein Schriftstück ein. Zwei Mal reiste er nach Karlsruhe, zur Verhandlung und zur Urteilsverkündung. Der BGH gibt ihm in Teilen Recht, aber auch der Staatsanwaltschaft. Und für das Gericht ist die Entscheidung nach Expertenmeinungen eine ziemliche Klatsche.

Jetzt muss es also einen neuen Prozess geben, doch niemand weiß so recht, wie das funktionieren soll. Verhandelt werden sollen 951 Methadon-Behandlungen aus den Jahren 2004 bis 2006. Doch wie will man noch glaubhafte Zeugen finden für Vorgänge, die bis zu acht Jahre zurückliegen? Die betroffenen Patienten waren damals schwerstabhängig, ihre Gedanken reichten nur bis zum nächsten Schluck Methadon. Diese Schwerstabhängigen noch ausfindig zu machen, sie aufzufordern, sich zu erinnern, wie sie 2004 in Uelzen behandelt wurden – das Gericht wird da wohl an seine Grenzen stoßen.

Das ist Markus M. schon längst – psychisch und auch beruflich. Erst 2004 hatte er seinem Vater die Praxis in Uelzen abgekauft, im Rahmen der Durchsuchung am 22. Mai 2006 wurde er festgenommen und saß drei Wochen in Untersuchungshaft. Wegen Fluchtgefahr. „Ich bin Vater von fünf Kindern, ich habe der Richterin umfassend auf alle Fragen geantwortet.“ Dass sie ihn wegsperrten, sei für ihn heute noch unfassbar sagt M. Mehr noch: „Das Justizsystem in Deutschland funktioniert nicht, es läuft auf Hauptschulniveau. Wer am besten verleumden kann, der gewinnt.“

Die Approbation des Arztes ruht, so lange das Verfahren läuft. „Ich schlage mich durch mit Gelegenheitsarbeiten“, sagt er. Würde die Frau kein Einkommen haben, wäre die Familie ruiniert. Schwer ist es auch so. „Die Kinder verdrängen es“, sagt Markus M.

Dass das Verfahren womöglich ein Jahrzehnt dauern kann, will er ertragen. „Ich muss das tun, sie können mir bislang nicht mal im Ansatz etwas nachweisen, was ich außerhalb meines Gewissens ausgeführt habe“, sagt der 45-Jährige. Als Substitutionsarzt wird er aber nie wieder arbeiten, auch wenn er dürfte: „Dafür bin ich seelisch zu kaputt.“

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