VON WOCHE ZU WOCHE – Kommentar von AZ-Redakteurin Sandra Hackenberg zur aktuellen Renten-Debatte und zum Schlag gegen einen Wriedeler Betrüger-Clan 

Von Hoffnung und Gerechtigkeit

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Razzia in Uelzen und Umgebung: Die Polizei durchsuchte am Mittwoch insgesamt 13 Wohnobjekte eines Clans, welche dieser inzwischen in Wriedel, Hanstedt I, Hamburg, Münster und andernorts im norddeutschen Raum erworben hat. 

Zwei Ereignisse haben mich in dieser Woche zum Nachdenken gebracht. Zum einen wurde bei einem SPD-Abend diskutiert, wie die Rente in unserem Land gerechter verteilt werden kann – ein Thema für sich.

Was mich aber am meisten berührt hat, waren die Redebeiträge an diesem Abend.

Es ging um Senioren, die ihr Leben lang gearbeitet und sich ihr Eigenheim mühsam zusammengespart haben. Doch immer öfter müssen sie im hohen Alter ihr Haus verkaufen. Sie leben von ein paar hundert Euro Rente im Monat. Dann steht eine teure Dachreparatur an oder sie sollen mehrere tausend Euro Anliegerbeiträge zahlen, weil die Straße neu gemacht wird – und sie können sich das einfach nicht leisten.

Vor allem auf dem Land, wo es vor vier, fünf Jahrzehnten das Lebensziel einer Familie war – als Absicherung fürs Alter – ein eigenes Haus zu bauen, sieht man inzwischen quasi in jedem Ort solche Häuser leer stehen.

Und dann gibt es große Familienclans aus Osteuropa, die sich, wie in Wriedel, in diesen Orten niederlassen. Sie rücken mit einem Range Rover und Geldbündeln in einem Lederkoffer an. Sie kaufen Häuser mal eben für 50.000 Euro in bar.

Keiner in dieser Familie geht augenscheinlich einer erwerbsmäßigen Tätigkeit nach – und der objektive Beobachter fragt sich, woher das ganze Geld kommt.

Eine mögliche Antwort auf diese Frage lieferte am Mittwoch die Polizei. Die durchsuchte 13 verschiedene Häuser des Clans, welche dieser inzwischen in Wriedel, Hanstedt I, Hamburg, Munster und andernorts im norddeutschen Raum erworben hat. Die Ermittler beschlagnahmten unter anderem 20.000 Euro aus einem Bankschließfach und schöpften Luxusautos und andere Vermögenswerte in Höhe von 50.000 Euro ab.

Der Verdacht besteht – neben diversen anderen Vorwürfen – auf Versicherungs- und Sozialleistungsbetrug. Es handelt sich um laufende Ermittlungen und so lange niemand verurteilt wurde, gilt die Unschuldsvermutung. Doch wenn Menschen, die bei diversen vorangegangenen Einsätzen in Wriedel dabei waren, berichten, dass eine Person fünf verschiedene Ausweise hat, liegt es nahe, dass die Vorwürfe nicht ganz aus der Luft gegriffen sind.

Es war wichtig, dass der Staat in Wriedel endlich durchgegriffen und damit ein Zeichen gesetzt hat. Denn wenn rechtschaffene Bürger im Alter ein Dasein an der Armutsgrenze fristen müssen und auf der anderen Seite mutmaßliche Betrüger über Jahre ihren Machenschaften nachgehen können, ohne dass etwas unternommen wird, kann ich verstehen, wenn mancher den Glauben an den Staat verliert.

Vollkommene Gerechtigkeit wird es nie geben und vieles in unserem Land muss geändert werden. Das ist Aufgabe der großen Politik, doch deren Mühlen mahlen bekanntlich langsam. Umso wichtiger war das Handeln von Uelzens Polizisten und ihren Kollegen. Es macht Hoffnung, dass es in Deutschland doch noch so etwas wie Gerechtigkeit gibt.

VON SANDRA HACKENBERG

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