Am anderen Ende der Leitung

Hinter den Kulissen der Uelzener Einsatzleitstelle

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Mit Blick auf zahlreiche Bildschirme nimmt Marcus Krahn die Notrufe entgegen.

Uelzen – Der erste Anruf, der an diesem Nachmittag eingeht, an dem die AZ-Reporterin in der Einsatzleitstelle Uelzen hospitiert, um einmal hinter die Kulissen zu schauen, ist ein Fehlalarm. Das weiß Marcus Krahn natürlich nicht, als er den Hörer abnimmt.

Das Klingeln ist gerade zu vernehmen, schon hat der Disponent den Hörer in der Hand, meldet sich: „Hier ist der Notruf für Feuerwehr und Rettungsdienst. Wo genau ist der Notfallort?“

Krahn ist hochkonzentriert, seine Stimme fest. Eine Antwort bekommt er in diesem Fall nicht – nach wenigen Sekunden ist das Telefonat beendet – falscher Alarm. Vermutlich hat sich das Handy des Anrufers selbstständig gemacht und die 112 aus der Hosentasche gewählt. „Das haben wir öfter“, erklärt Krahn, während er auflegt. „So 50 bis 100 Mal pro Woche. “.

Auch wenn das gewaltig klingt: Die große Mehrheit der eingehenden Anrufe bei der Feuerwehreinsatz- und Rettungsleitstelle, so der offizielle Name, sind tatsächliche Notrufe. Auf etwa 13 000 Rettungs- und 800 bis 1000 Feuerwehreinsätze kommt der Landkreis in zwölf Monaten. Diese Zahlen schwanken von Jahr zu Jahr und sind stark witterungsabhängig – 2019 war trotz des trockenen Sommers beispielsweise weniger brandlastig, erklärt der Leiter der Einsatzleitstelle, Björn Busenius.

Kein Tag ist wie der andere

Wie viele Einsätze die Disponenten in einer Schicht koordinieren müssen, sei komplett unvorhersehbar, berichtet Busenius. Eine Schicht dauert zwölf Stunden, da kann viel – oder wenig – passieren. An diesem Nachmittag nehmen Marcus Krahn und sein Kollege Lars Jüncke in einem Zwei-Stunden-Rahmen 13 Notrufe entgegen.

Die beiden Disponenten sind ehrenamtlich bei den Feuerwehren Bienenbüttel und Bad Bevensen aktiv, haben die Ausbildung zum Rettungsassistenten beim DRK gemacht und feuerwehrtechnische und leitstellenspezifische Lehrgänge absolviert. Mindestens fünf Jahre praktischer Rettungsdienst sind eine Voraussetzung, um in der Einsatzleitstelle arbeiten zu dürfen. „Man muss etwas auf der Straße gesehen haben, bevor man es sich am Telefon vorstellen kann“, begründet Busenius. Auch Mitarbeiter des DRK sitzen in der Leitstelle: „Da gibt es keine unterschiedlichen Qualifikationen.“

Alles Gewöhnungssache

Von Menschen in extremen Situationen so viele Informationen wie möglich über den Notfall zu bekommen, ist nicht immer eine einfache Aufgabe. Selbst in Stresssituationen behalten die Disponenten einen kühlen Kopf. „Man hat eine hohe Verantwortung“, sagt Krahn. Beruhigen lautet das Zauberwort oder auch direktes Ansprechen mit dem Vornamen. Krahn: „Wir bieten sofortige Unterstützung an und sagen, dass Hilfe unterwegs ist.“ Und dabei handelt es sich definitiv nicht um eine Floskel: Selbst wenn ein Anruf länger dauert, wird nebenbei per Computer sofort alarmiert.

Im Team immer erfolgreich

Nach einem schwerwiegenderen Einsatz kann es vorkommen, dass die Lage die Disponenten noch länger beschäftigt. „Dann wird noch fünf Minuten länger darüber nachgedacht“, erklärt Jüncke. Zur Arbeit gehören eben auch solche Aspekte. Und ein Gespräch unter Kollegen oder mit dem Leitstellenleiter Björn Busenius sei immer möglich. „Wir unterstützen uns gegenseitig, das hier ist Teamarbeit“, betont Krahn und Jüncke ergänzt: „Wir sind nicht abgestumpft, nur professionell.“

So sieht das auch Leitstellenleiter Busenius. Seit rund 20 Jahren nimmt er Notrufe entgegen, da kommt einiges an Erfahrung zusammen. „Es kann sein, dass man sich nach dem Einsatz fragt: ,War´s das? Hätte ich es besser machen können?‘. Dafür gibt es dann den Austausch unter Kollegen“, erklärt Busenius. Das Angebot der Seelsorge habe noch keiner seiner Mitarbeiter in Anspruch nehmen müssen. „Toi, toi, toi“, sagt Busenius und klopft auf den Schreibtisch.

Niemand wird zurückgelassen

An diesem Nachmittag zeigt sich dann zu fortgeschrittener Zeit, wie unvorhersehbar der Beruf ist. Ein Notruf kommt rein: Der Rettungshubschrauber wird benötigt. Über einen seiner Bildschirme kann Krahn den Landeplatz am Uelzener Krankenhaus genau beobachten. Die Rettungskräfte, die mit ihrer Ausrüstung zu „Christoph 19“ eilen, wollten eigentlich gerade Feierabend machen.

„Am Ende des Tages zählt, dass niemand auf der Straße bleibt“, sagt Busenius. Dafür sorgen er und sein Team.

VON NÉLE J. GSUCK

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