Seit 60 Jahren springt der Gefangenenfürsorge-Verein Uelzen für Häftlinge ein

Hilfe für den Weg zurück ins Leben

Was kommt nach dem Leben hinter den Gittern der Justizvollzugsanstalt Uelzen? Die Gefangenenfürsorge unterstützt Häftlinge und Probanden der Bewährungshilfe seit 60 Jahren. Archivfoto: Mitzlaff

Uelzen. Sie sitzen wegen Raubes, versuchten Totschlags oder anderer schlimmer Vergehen hinter Gittern. Und ihr Weg zurück in die Gesellschaft – so es denn überhaupt einen geben kann – wird schwer genug sein.

Um den Gefangenen der Justizvollzuganstalt (JVA) Uelzen eben diesen Weg zu erleichtern, gibt es den Gefangenenfürsorgeverein Uelzen. Und das in diesem Jahr schon seit 60 Jahren.

Michael Haustein und Klaus Moebis sind seit zwölf Jahren Vorsitzende des heute 22 Mitglieder zählenden Vereins, Karin Mühlenberg ist ebenso lange Kassenwartin. Sie wissen um die Probleme, die den Gefangenen den Schritt zurück ins Leben erschweren. Waren es früher, in den 50er Jahren Essensmarken für die Volksküche, Kleidungsstücke oder die Übernahme von Kosten für Holz oder Kohle zum Heizen, ist es heute vor allem Bares, das den Häftlingen und Probanden der Bewährungshilfe hilft. „Wir finanzieren uns dabei aus Bußgeldern“, erklärt Karin Mühlenberg im AZ-Gespräch. Rund 800 Euro kommen damit pro Jahr etwa zusammen. Allein mit den Mitgliedsbeiträgen könnte die Gefangenenfürsoge nicht viel bewegen – insgesamt etwa 200 Euro landen hier jährlich auf dem Vereinskonto.

Die konkreten Hilfen, die der Verein leistet, sind vielfältig. So gibt es häufig Gefangene, die sich vor oder während ihrer Haft Tätowierungen selbst gemacht haben oder machen ließen – nicht selten Symbole der rechtsradikalen Szene. „Viele Gefangene bereuen das und wollen die Tätowierungen wieder los werden, damit sie sich in der Öffentlichkeit sehen lassen können“, weiß Karin Mühlenberg. Schließlich dürften SS-Runen auf den Fingern oder ein Hakenkreuz auf dem Oberarm sofortige K.o.-Kriterien bei der Lehrstellen- oder Arbeitssuche und im Umgang mit anderen Menschen „draußen“ sein. Doch den Häftlingen fehlt es zumeist am Geld, um solche Tätowierungen beseitigen lassen zu können. „So etwas bezahlen wir dann“, sagt Karin Mühlenberg. Dann wird aus einem Hakenkreuz zum Beispiel ein Frauenkopf und die Runen werden weggelasert.

Michael Haustein erinnert sich an einen weiteren Fall, in dem die Gefangenenfürsorge helfen konnte: Der Husky eines Häftlings war angefahren und schwer verletzt worden. Die Familie ließ den Hund operieren, ohne sich über die Tierarzt-Kosten im Klaren zu sein. Als die 1900-Euro-Rechnung zugestellt wurde, war guter Rat teuer. „Wir konnten da einen Vergleich erreichen und haben die 300 Euro dann übernommen“, so Haustein.

In anderen Fällen sind es einfach ein paar Euro für Kaffee oder Tabak, damit der Betroffene wegen eines Koffein- und Nikotinentzuges nicht aggressiv wird. Oder Finanzspritzen, wenn bei der Familie zu Hause die Waschmaschine den Geist aufgegeben hat oder es nach der Entlassung aus dem Gefängnis an der ersten Wohnungseinrichtung fehlt. Hin und wieder ist es ein Zuschuss zum Führerschein, und auch den schwarzen Anzug für einen Häftling bezahlte der Verein, damit der Mann in angemessener Erscheinung an der Beerdigung seines Vaters teilnehmen konnte.

„Wir springen da ein, wo es keine anderen Träger gibt“, bringt Michael Haustein diese unbürokratische und schnelle Hilfe des Vereins auf den Punkt. Damit soll verhindert werden, dass die Gefangenen in Notsituationen geraten und sie wieder rückfällig werden. „Wir übernehmen so etwas, damit die nicht gleich den nächsten Bruch oder Überfall machen“, formuliert es Karin Mühlenberg ganz ungeschminkt. Oft ist es auch so, dass die Gefangenen das Geld später zurückzahlen müssen. Und sei es in Raten. „Das funktioniert meistens auch“, sagen Mühlenberg und Haustein.

Um den Nachwuchs im Verein ist es seit Längerem schon nicht allzu gut bestellt. Nicht zuletzt deswegen haben sich Haustein, Moebis und Mühlenberg bereit erklärt, weitere drei Jahre im Vorstand zu bleiben. Aber auch die künftige Finanzierung von Hilfen könnte problematischer werden. Denn die Geldbußen, von denen der Verein sozusagen lebt, werden Jahr für Jahr weniger. Karin Mühlenberg erklärt, warum: „Statt Bußgeldern werden heute immer öfter Arbeitsauflagen verhängt. Oder das Bußgeld muss an eine bestimmte Institution gezahlt werden, damit ein Zusammenhang zur Straftat hergestellt wird.“

In der Bevölkerung ist der Gefangenenfürsorgeverein gar nicht so bekannt, wissen die Ehrenamtlichen. Wer aber von ihm hört, stellt oft dieselbe erste Frage: „Den Tätern wird geholfen – und wer kümmert sich um die Opfer?“ Karin Mühlenberg und Michael Haustein kennen das. „Dafür gibt es Opfereinrichtungen“, sagen sie dann. „Wir können hier mit den Inhaftierten arbeiten, die können nicht weg“, erklärt Karin Mühlenberg.

Ein Opfer aber könne man nicht dazu zwingen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. „Wir haben hier die, die es schon getan haben, und Täterschutz ist Opferschutz.“

Von Ines Bräutigam

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