Das Wort zum Sonntag

Hilfe vor der Tür

Weihnachten steht vor der Tür. Und ich stehe vor der Tür von Frau M. Viele Wochen ist sie schon im Krankenhaus. Immer wieder gab es Rückschläge. Ich atme durch und klopfe an. Beim Öffnen der Tür höre ich adventliche Klänge. Frau M.

sitzt im Stuhl vorm Fenster und hört eine CD. Ich gehe auf sie zu und begrüße Sie. – „Schön, dass Sie kommen“, antwortet sie. Sie nimmt meine Hand und hält sie einen Moment fest. Auf dem Tisch vor dem Fenster steht ein kleines Gesteck mit vier kleinen Lichtern. „Mein Mann hat es mir zum 1. Advent mitgebracht. Nun mache ich morgen schon die vierte Kerzen an und bin immer noch hier“, seufzt sie.

Gemeinsam betrachten wir die Lichter und hören die vertrauten Weisen. Frau M. erinnert sich dabei, wie sie und ihr Mann früher mit den Kindern um den Adventskranz gesessen haben. Die Kinder konnten es bis Weihnachten kaum abwarten, während ihr vor lauter Arbeit die Zeit oft davon lief. Jetzt warte sie. Aber worauf warte sie eigentlich? Auf Heilung, auf völlige Genesung? Dass alles wieder so wie früher sein würde? Nein, die Zeit lasse sich nicht zurückdrehen und es liege auch so sicher noch ein langer Weg vor ihr. Wenn ihr überhaupt geholfen werden könne. Bevor ich darauf eingehen kann, merkt sie auf: „Seid unverzagt, ihr habet die Hilfe vor der Tür!“, erklingt es gerade von der CD. – „Unverzagt zu sein, das ist gar nicht so einfach“, sagt sie. „Ja, das glaube ich Ihnen“, antworte ich und denke dabei auch an die Ohnmacht und Hilflosigkeit, die ich manchmal verspüre. – „Aber es ist ein schöner Gedanke: Die Hilfe steht vor meiner Tür. Sie stehen ja auch immer wieder vor meiner Tür. Das tut meinem Herzen gut“, fährt Frau M. fort und lächelt mich an. „Und da ist einer, der mich dabei begleitet. Darauf zu vertrauen, das stärkt auch mein Herz“, füge ich hinzu. Gemeinsam schauen wir noch eine Weile auf die Adventlichter und lauschen der Musik, bevor ich mich verabschiede – bis zum 24. Dezember. Dann ist Weihnachten. Auch in der Klinik. Auch für Frau M.

 

Pastorin Birgit Hagen ist Klinikseelsorgerin im HGZ

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