In Andrea Hackenbergs Roman „Abgeferkelt“ zeigt Uelzen seinen besonderen Charme

Mit Highheels im Schweinematsch

Der Hundertwasser-Bahnhof im schönen Uelzen. „Schau mal. “ – „Na, toll. Und wo liegt Uelzen?“ – „Wie ich schon sagte: in der Pampa.

“ Im Roman „Abgeferkelt“ schildert die Autorin Andrea Hackenberg, wie es Redakteurin Kati Margold aus Frankfurt in die Lüneburger Heide verschlägt: Die Kosmetikerin und Mitarbeiterin einer Frauenzeitschrift erbt einen Zeitungsverlag in der hiesigen Region und versucht sich selbst als Lokalreporterin, bevor sie sich entscheidet, wie die Zukunft der Zeitung aussehen soll. Andrea Hackenberg hat selbst einige Zeit als Journalistin in Lüneburg, Celle, Wittingen und im Landkreis Uelzen verbracht, jetzt lebt sie in Frankfurt. Bevor sie am Donnerstag, 16. August, um 19. 30 Uhr in der Buchhandlung Decius in Uelzen liest, hat sie der AZ verraten, wieviel sie mit ihrer Kati gemein hat.

AZ: Ein bisschen aufgeregt bin ich schon, weil ich das Bedürfnis habe zu beweisen, dass nicht alle hier in der Lüneburger Heide so provinziell sind, wie es in Ihrem Buch manchmal den Eindruck macht.

Andrea Hackenberg: Oje... (lacht) Im Gegenteil, ich liebe die Gegend sehr und habe hohen Respekt vor den Leuten, die dort leben. Meine ursprüngliche Idee war, mit dem Roman eine Liebeserklärung an den Lokaljournalismus zu schreiben – weil es mich ärgert, dass Zeitungen kaputt gespart werden. Und einige Sachen, die ich beschreibe, sind zum Teil auch passiert.

Inwieweit hat das Buch biografischen Hintergrund?

Ganz klar: Ohne die Zeit in den drei Städten Lüneburg, Celle und Wittingen hätte ich es nicht machen können. Die Landung im Schweinemist ist mir in Hankensbüttel passiert, im Winter. Da bin ich mit einem Biobauern und seinem Sohn über die Schweinewiese gelaufen und mir wurde die Ferkelaufzucht gezeigt, das verlief nicht so anzüglich wie in dem Roman. Quer über der Wiese lag ein Kabel, das ich nicht gesehen habe. Ich bin darüber gestolpert und wirklich auf den Bauch geflogen – und dann lag ich da.

Und ist das auch an Ihrem ersten Tag bei der Zeitung passiert, wie bei Kati Margold, die in dem Roman auf Highheels im Matsch ausrutscht?

Nein, aber es gab noch eine zweite Geschichte. An meinem ersten Tag bei der Landeszeitung in Lüneburg hatte ich einen Termin bei der Züchterzentrale Deutsches Hybridschwein, die eine Lehrstelle zum Schweinewirt ausgeschrieben hatte. Der Landwirt dort hat mir die Schweinezucht anhand der Schwangerschaft seiner Frau erklärt, das war sehr schräg. Das war die Initialzündung für die Geschichte, die ich dann später im Roman maßlos übertrieben und ausgeschmückt habe – Ähnlichkeiten mit realen Personen sind nicht beabsichtigt und rein zufällig. Ich finde, man darf nur über den Lokaljournalismus Witze machen, wenn man selbst dort gearbeitet hat.

Die Handlung spielt in einem Ort in der Lüneburger Heide, den Sie Grümmstein genannt haben. Wie sind Sie auf den Namen gekommen?

Ich wollte einen Namen mit einem „ü“ darin haben, durch Lüneburg. Die Idee kam mir bei einem Besuch in Lüneburg, als ich über die Pflastersteine gegangen bin. Im Altstadtbereich gibt es dort Kopfsteinpflaster, auf dem man mit Highheels so schlecht laufen kann, in Uelzen ist das ja auch so. „Grümmstein“ ist ein zusammengesetztes Ding, eine Synthese aus den drei Orten Lüneburg, Celle und Wittingen. Ich habe das ganz fiktiv gestaltet und dann hat der Verlag gesagt, jetzt regionalisieren wir das ein bisschen. Deshalb macht die Kati Margold auch einen Ausflug in die Ellerndorfer Heide.

Die Geschichte hätte sonst ja auch in der Eifel stattfinden können...

Es musste eine Region sein, die ich mag. Und ich habe zur Eifel keinen Bezug. Ich mochte meine Arbeit als Lokalreporterin in der Lüneburger Heide sehr und fühle mich mit der Gegend nach wie vor sehr verbunden. „Regio-Chick-Lit“ schien mir eine gute Möglichkeit zu sein, dafür zu werben.

Die „Regio-Check-Lit“ ist ein neues Genre des Frauenromans, in dem die Suche nach dem Traummann mit Heimatverbundenheit kombiniert wird. Was ist Ihnen daran wichtig?

Es gibt viele Frauenromane, die in Metropolen wie New York spielen. Man kann diese Geschichten aber auch auf dem platten Land spielen lassen und so neu erzählen. Ich finde, die Lüneburger Heide hat viele schöne Gegenden und der Roman ist eine Form, um noch mal darauf aufmerksam zu machen. Dazu muss man die Region lieben, über die man schreibt – und wie sehr ich das tue, sieht man daran, dass die Einwohner aus der Provinz im Roman meistens gewinnen, während die Hauptfigur Kati meist als Benachteiligte aus den Situationen hervorgeht.

In dem Roman kommt eine Situation, in der der fiktiven Zeitung ein Anzeigenboykott droht. Haben Sie so etwas in Ihrer Zeit als Lokalreporterin erlebt?

Ich habe so eine Erfahrung mit einer Eisdiele gemacht. Wir haben darüber geschrieben, was die neuen Eissorten sind, haben alle Eisdielen in der Stadt abgeklappert, aber eine übersehen. Und die Inhaber waren ausgerechnet Anzeigenkunden und haben sich beschwert. Und je mehr Berufserfahrung ich sammelte, desto präsenter wurde das Thema Anzeigen. Für eine andere Zeitung bin ich zu einer Ratssitzung gegangen, deren Vorsitzender Inhaber des örtlichen Küchenstudios war. Da kam von unserem Anzeigenleiter der Vorschlag, dem Vorsitzenden das Angebot für eine Anzeige in die Sitzung mitzubringen. Ich habe mich gefragt, wo ist hier noch die Trennung zwischen Redaktion und Anzeigenabteilung. Die Konditionen wurden mit den Jahren auch immer schlechter. Irgendwann habe ich mir gesagt: Das ist ein wunderschöner Beruf, aber jetzt ist Schluss.

Haben Sie selbst auch eine Ausbildung zur Kosmetikerin gemacht, so wie Ihre Titelheldin?

Ich habe die Ausbildung während meiner Zeit als Lokalreporterin gemacht, parallel zur Arbeit als Fernstudium. Damit wollte ich mich für einen Wechsel zu einer Frauenzeitschrift qualifizieren. Bei einem Heft in Baden-Württemberg habe ich dann als Beauty-Redakteurin anderthalb Jahre lang über Kosmetikprodukte geschrieben.

Kati Margold achtet sehr auf ihren Stil. Sie schwärmt auch für Highheels in jeglichen Farben. Welche Farbe haben Ihre Lieblingsschuhe?

Da muss ich mal eben zu meinem Schuhschrank gehen... Meine Lieblingsschuhe sind cremefarbene Highheels, die passen supergut zu Rot. Sie sind aus Lack, glänzend, wunderschön, die kann man wunderbar tragen. Ich habe auch Schuhe, die ich für teuer Geld kaufe und im Alltag nicht gerne trage, so dass ich meine Flipflops immer in der Handtasche mitnehme.

Nach der Geschichte mit dem Schweinemist hatten Sie sicherlich immer Gummistiefel im Auto. Haben Sie auch in Frankfurt noch Gummistiefel im Schrank stehen?

Ich hatte zuletzt ein Paar Schwarze mit weißen Blumen, die habe ich aber jetzt entsorgt.

Wird es nach „Abgeferkelt“ ein weiteres Buch von Ihnen geben? Eine Fortsetzung etwa?

Ja, ich hoffe es sehr, dass wir Kati noch mal wiedertreffen. Ich plane es als „Spinn-off“: die Geschichte bleibt in Grümmstein. Kati bleibt auch dabei, mit einer weiter wachsenden Familie, und eine bislang männliche Nebenfigur wird die Hauptfigur.

Etwa der Manolo, der machohafte Redakteur?

Der Manolo... Er kommt ein bisschen unsympathisch rüber, aber ich mochte ihn trotzdem.

Von Diane Baatani

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