Prozess um Tod einer Vierjährigen: Eltern sollen Insulin verweigert haben

Heiligabend spuckte sie Blut: Tochter (4) stirbt

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Die Angeklagten Antje B. und Baldur B. kommen gestern mit ihrem Verteidiger Matthias Macht (von links) in den Verhandlungssaal.

Uelzen/Hannover. Bei der Bescherung unter dem Tannenbaum in ihrer Wierener Wohnung sangen sie an jenem Heiligabend 2009 besinnliche Lieder, während die kleine Sieghild Blut spuckte und mit dem Tod kämpfte.

„Das habe ich gar nicht richtig realisiert, ich dachte, sie hat nur einen Magen-Darm-Infekt“, sagte der Vater der an Diabetes erkrankten Vierjährigen gestern vor Gericht.

Tränen im Gerichtssaal, Lachen in der Kantine

"Vater war geschichtsbewusst"

Wenige Stunden später setzt bei dem Mädchen die Atmung aus, im Krankenhaus Uelzen werden große Mengen Blut aus dem Magen gepumpt, anderthalb Stunden lang versuchen die Ärzte das Kind zu reanimieren. Es wird schließlich in die Medizinische Hochschule Hannover verlegt und stirbt dort noch in der Nacht.

Seit gestern müssen sich die Eltern, die mittlerweile aus dem Landkreis Uelzen in die Altmärkische Wische gezogen sind, wegen Körperverletzung mit Todesfolge vor dem Landgericht Hannover verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft der 28-jährigen Antje B. und ihrem vier Jahre älteren Mann Baldur vor, über Monate versucht zu haben, Sieghild vom Insulin zu entwöhnen und die Erkrankung stattdessen mit einer Rohkost-Therapie zu behandeln. Als sich der Gesundheitszustand des Kindes vor Weihnachten 2009 verschlechterte, hätte das Mädchen laut Staatsanwalt bei ordnungsgemäßer schulmedizinischer Versorgung noch gerettet werden können. Doch die Eltern riefen erst den Notarzt, als die Vierjährige nicht mehr atmete.

Antje und Baldur B. wiesen den Vorwurf einer Entwöhnung vom Insulin gestern zurück, die Mutter räumte aber ein, sich beim ehemaligen Arzt Ryke Geerd Hamer über alternative Behandlungsmethoden informiert zu haben. Hamer, der eine ,,Germanische Heilkunde“ propagiert, darf nicht mehr praktizieren und ist mittlerweile mehrfach verurteilt worden.

Ein rechtsradikaler Hintergrund als Motiv für das Verhalten zieht sich gestern wie ein roter Faden durch die Verhandlung, Mutter und Vater weisen das aber entschieden zurück.

Sie waren 2010 mit anderen Familien auf ein einsames Gehöft in der Altmark gezogen, um den Familiengedanken hochzuhalten, wie Baldur B. erklärte. Der 32-Jährige räumte ein, Mitglied in der neonazistischen Wiking-Jugend gewesen zu sein; die Eltern seiner Ehefrau gehörten der als rechtsradikal eingestuften Artgemeinschaft an, die bis 2009 von Jürgen Rieger geleitet wurde.

Von Thomas Mitzlaff

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