Von Woche zu Woche

Sie haben Auschwitz bezeugt

„Das rächt sich.“ Ein Trupp abgemagerter KZ-Häftlinge ist der Anlass für diese knappe Bemerkung in Walter Kempowskis Familiengeschichte „Tadellöser & Wolff“.

Schon den Zeitgenossen schwante, dass die Verbrechen, die in Auschwitz und anderen Konzentrationslagern verübt wurden, alles bislang Vorstellbare überstiegen, dass sie durch keine Ideologie zu rechtfertigen waren, dass die Schuld nicht mit dem Kriegsende getilgt sein würde.

Umso erschütternder, dass diejenigen, die die Mord- und Ausbeutungsmaschinerie betrieben, in der Mehrzahl straffrei ausgingen. Dass jetzt ein 94-jähriger Greis mit siebzigjähriger Verspätung zur Verantwortung gezogen wird, ändert an dieser Feststellung nichts. Vier Jahre Haftstrafe für Oskar Gröning sind angesichts seines Alters und Gesundheitszustandes eher symbolisch zu verstehen. Die deutsche Justiz will nach Jahrzehnten teils aktiver Untätigkeit zeigen, dass sie jetzt mit Nachdruck gegen die letzten Nazi-Täter vorgeht.

Der besondere Stellenwert des jetzt abgeschlossenen Verfahrens vor dem Landgericht Lüneburg liegt nicht in der Frage nach der persönlichen Schuld von Oskar Gröning. Ob er doch häufiger an der Rampe Dienst tat und wie glaubhaft die zu seiner Verteidigung angeführten drei Versetzungsgesuche waren. Hier haben – vielleicht zum letzten Mal – Zeitzeugen berichtet, wie es wirklich war in der Hölle von Auschwitz. Und mit Gröning hat einer der Täter bezeugt, dass es das alles wirklich gab: die Massentransporte, die Selektion an der Rampe, die Gaskammern. Da bleibt kein Spielraum für die Leugner, die von dem Bedürfnis getrieben sind, die unerträgliche Schuld abzuwälzen. Dies ist umso wichtiger, als es in wenigen Jahren keine Zeitzeugen mehr geben wird.

Was der Prozess ebenfalls noch einmal grell beleuchtete, ist das, was Hannah Arendt im Zusammenhang mit dem Eichmann-Prozess die „Banalität des Bösen“ nannte. Der auf der Anklagebank saß, war ein alter Mann, dem man nicht den Sadismus mancher Wachleute zutraute. Das war auch nicht nötig, denn das Neue der Nazi-Verbrechen war gerade die behördenmäßig geordnete Abwicklung von Aufspüren, Transport und Ermordung der Opfer. Dieser durchorganisierte Prozess funktionierte auch mit dem ganz normalen Zeitgenossen, der seine Aufgabe als ein kleines Rädchen ausführte, ob er nun Personalien erfasste oder das Geld der angelieferten Juden einsammelte und zählte.

Von Gerhard Sternitzke

Rubriklistenbild: © Schmidt

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare