„In der Gruppe ist man wer“

Auch in Uelzen längst ein Dauerbrenner: Gewalt unter und von Jugendlichen. Polizei und Justiz versuchen entschieden gegenzusteuern.

Uelzen - Von Thomas Mitzlaff. Mitten in der Uelzener Innenstadt wird ein Familienvater, der mit Frau und Kind unterwegs ist, von Jugendlichen attackiert, am Oldenstädter See treten und prügeln vier junge Männer junge Camper derart brutal zusammen, dass eine Verletzte tagelang im Krankenhaus liegt. Tatmotiv: Lust an Gewalt. Alle vier sitzen mittlerweile in Untersuchungshaft. Die AZ sprach nach den Vorfällen mit Uelzens Kripochef Jan-Olaf Albrecht über zunehmende Gewaltbereitschaft junger Menschen in Uelzen.

Herr Albrecht, für viele sind die Großstädte mit ihrer Gewalt weit weg, aber ist Uelzen überhaupt noch ein Stück mehr heile Welt als die Metropolen?

Die gesellschaftlichen Umstände sind in einer Kleinstadt wie Uelzen nicht anders als in der gesamten Republik. Die beiden genannten Taten sind sicher herausragend in ihrer Qualität. Aber generell stellen wir polizeilicherseits eine generelle Zunahme der Gewaltbereitschaft bereits seit längerer Zeit fest.

Vor allem scheinen es junge Leute zu sein, die hier auffallen?

Uelzen hat eine nächtliche Gaststättenszene, die an Wochenenden bis morgens aktiv ist. Auslösender Faktor für Gewalt ist häufig vorangegangener gemeinsamer Alkoholgenuss und das Bedürfnis, die Gruppe in der öffentlichen Wahrnehmung als Machtfaktor darzustellen. Wenn man im normalen Leben schon nichts zu sagen hat, so kann man so zeigen, dass man auf die nächtliche Szene der Gaststätten- und Diskothekenbesucher Eindruck macht, im Gespräch ist, Angst erzeugt und sich einen – wenn auch sehr zweifelhaften Respekt – verschafft. Das scheint insbesondere für junge Männer in der Altersgruppe zwischen 16 und 20 Jahren wichtig zu sein. Die gruppendynamischen Prozesse, das sich gegenseitige Bestätigen und Anfeuern, führt dann häufig zu spontanen Taten.

Was sind das für Jugendliche, die in diesen Gruppen mitmischen?

Als Einzelpersonen sind sie zumeist unauffällig. Wenn die bei uns dann zur Vernehmung erscheinen, backen sie sehr kleine Brötchen. Ihr sozialer Hintergrund ist häufig so, dass eine Unterstützung durch die Eltern, obwohl sich viele sehr bemühen, nicht mehr möglich ist. Die Ablösung vom Elternhaus und der Wunsch, als eigenständiger Mensch anerkannt zu werden, ist die treibende Kraft. Das fehlende echte Selbstbewusstsein und Ausbleiben von positiven Bestätigungen im familiären, schulischen oder beruflichen Umfeld fördert die Gruppenbildung. Da ist man dann wer.

Wie reagiert die Polizei auf diese Entwicklung?

Wir sind bereits seit rund drei Jahren vermehrt präsent an den erkannten Brennpunkten im Stadtgebiet und auf großen Events. So können wir zwar das Eine oder Andere verhindern und auch Tatverdächtige feststellen, aber angesichts der Vielzahl von Veranstaltungen und Handlungsorten können wir natürlich nicht alles im Griff haben. Die Polizei kann sich im Rahmen ihres Auftrages zur Gefahrenabwehr allgemeinen, negativen Entwicklungen entgegenstellen, sie aber nicht beseitigen. Wir arbeiten mit der Staatsanwaltschaft und dem Amtsgericht übrigens seit Jahren sehr eng zusammen und haben immer wieder deutliche Zeichen gesetzt. Der Fall O-See ist nur die Fortsetzung dieser Linie.

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