Das Grundgesetz unter dem Arm

Die Jusos rollten am Sonnabend ein gelb-schwarzes Atommüllfass durch die Uelzener Marktstraßen.

Uelzen/Suderburg - Von Jürgen Köhler-Götze. Die Jusos hatten zumindest zeitlich die Nase vorn: In weißen Schutzanzügen und unter Atemschutz rollten sie ein gelb-schwarzes Atommüllfass über den Markt in der Lüneburger Straße bis zum Infowagen der Mutterpartei, die schon um 10 Uhr am Rande des Marktgeschehens in Uelzen für das SPD-Camp zum Castortransport im Wendland machte. „Rotkäppchen gegen Castor“ ist das Motto des Camps, zu dem sich eine ganze Reihe Bundestags- und Landtagsabgeordnete angekündigt haben.

Kurz darauf versammelten sich auch am Suderburger Bahnhof die Atomkraftgegner. „Das wäre doch nicht nötig gewesen, für jeden von uns einen eigenen Polizeibeamten abzustellen“, musste sich Einsatzleiter Ralf Munstermann anfrotzeln lassen.

Gegen 11 Uhr waren die Demonstranten dann aber doch zahlenmäßig in der Mehrheit. Etwa 80 Kundgebungsteilnehmer hatten sich eingefunden und ließen sich von Apotheker Jürgen Wrede, der nach eigenem Bekunden seit zig Jahren zu jeder Demo mit dem Grundgesetz unter dem Arm aufläuft, den Artikel 8 GG vorlesen, der allen Deutschen das Recht garantiert, „sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln.“ Nach einer kurzen Kundgebung „unterwanderten“ (nicht unterhöhlten!) die Teilnehmer die Gleise des Bahnhofs und inspizierten die Brücke über den Gleisen, wo auch während des Castortransports protestiert werden soll. „Denkt dran, Leute: Das ist ein privater Spaziergang“, ermahnte Munstermann, „ihr müsst uns auch eine Chance geben…“

Mit rund 250 Teilnehmern fiel die Kundgebung am Hundertwasserbahnhof Uelzen deutlich größer aus. Bernd Ebeling, Sprecher der BI gegen Atomanlagen, konnte zu diesem Zeitpunkt bereits von Kundgebungen in 107 Orten berichten, von denen ein Drittel Teilnehmerzahlen von weit über 10000 zurückgemeldet hatten. Auch hier schlossen sich an die Kundgebung private Spaziergänge im Landkreis an.

Ziel der Demonstranten: Wenn man den Castor schon nicht aufhalten kann, dann will man ihn zumindest behindern und zur langsamen Fahrt zwingen. Aus gutem Grund: Die Castore wurden mit Fallhöhen getestet, die einer Geschwindigkeit von 50 km/h entsprechen. Unterwegs war der Zug beim letzten Transport aber mit 100 km/h. Noch ist das Zugunglück von Eschede hier in böser Erinnerung.

Jeder einzelne Castor enthält mindestens das Hundertfache an Radioaktivität, wie in der immer noch absaufenden Asse eingelagert ist und etwa soviel Cäsium, wie in Tschernobyl freigesetzt wurde. Grund genug für die Castor-Gegner, dafür zu sorgen, dass der Zug zumindest langsam fährt, wenn man ihn schon nicht aufhalten kann.

Heute findet ab 18 Uhr ein Blockade-Training im Gemeindehaus der St. Petri-Gemeinde in der Osterstraße statt.

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