Der Schmied Wilhelm Schulze baut 1898 die Bevenser Maschinenfabrik / In den besten Zeiten über 300 Arbeitsplätze

Gründerzeit in Bevensen

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Standard-Dreschmaschine im Einsatz beim Erntedankfest im Museumsdorf Hösseringen: Die Besucher erleben mit, wie Freiwillige die getrockneten Garben in den Schacht der Maschine werfen und die Körner in Säcke abfüllen. Angetrieben wird das Holzungetüm wie zu Wilhelm Schulzes Zeit von einer Dampfmaschine. Weil die von Pferden zum Einsatz gezogen wird, heißt sie Lokomobile. Foto: Kohnke-Löbert

Bad Bevensen. Dies ist keine Geschichte vom Tellerwäscher zum Millionär. Aber sie handelt vom unglaublichen Aufstieg eines Römstedter Schmiedemeisters.

Die Geschichte, die wir vor 120 Jahren mit dem Bau der Bevenser Maschinenfabrik beginnen lassen, erzählt auch von Wagemut, Kreativität, Besonnenheit und der Kühnheit, noch einmal ganz von vorne anzufangen – Eigenschaften, die auch heute jedem Unternehmer gut zu Gesicht stehen.

Umlagerter Messestand des Standardwerks. Deutlich zu erkennen: Die Besucher klettern auch auf die Maschine. Repro: AZ

Sie lässt auch den Abstieg nicht aus. Heute erinnert nicht viel mehr als ein Schild und ein paar alte Werksgebäude an das Standardwerk, das einmal über 300 Menschen Lohn und Brot gab. Umso größer der Glücksfall, dass Wilhelm Schulze (1861 bis 1958) seine Lebenserinnerungen aufgeschrieben hat.

Anzeige von 1948 für die Standard-Dreschmaschine Rekord, eingeklebt im Klischeebuch aus Bevensen. Repro: AZ

Am Anfang steht eine Idee. Wilhelm Schulze kommt gerade vom zweijährigen Technikum, einer Art Berufsschule, zurück auf den väterlichen Betrieb. Der Absolvent – ein Bild im Alter von 18 Jahren zeigt einen jungen Mann mit weichen Zügen, aber energisch hochgezogenen Augenbrauen – ist von einem Gedanken beseelt. Er will eine Dreschmaschine bauen.

Die technische Zeichnung der Standard Olympia von 1958 zeigt die Funktionsweise der Dreschmaschine: Dreschtrommel oben, Schüttler und Siebe in der Mitte, unten Gebläse, Abfüllstutzen und links das Gebläse zum Abtransport der Spreu. Foto: Sternitzke

Was eine Dreschmaschine ist, muss man heute erklären. Man kann es sich wie einen Mähdrescher ohne Mähwerk vorstellen. Als Schulze jung ist, steckt die Technologie noch in den Kinderschuhen. Sie ersetzt viele Knechte und Dreschflegel. Als solch ein Wunderwerk 1879 in der Nähe arbeitet, schaut er sich die Konstruktion genau an – und fängt an zu zeichnen.

„Ich hatte nun allerdings noch nicht die geringste Erfahrung darüber, wie solche Maschine hergestellt werden könnte“, schreibt er in seinen Erinnerungen. Da er auch keine Drehbank besitzt, muss er viele Teile von einer Eisengießerei anfertigen lassen. Diese Maschine wird auf Rädern von Pferden zum Einsatzort gezogen. Pferde erzeugen zunächst auch die Energie, indem sie in einem sogenannten Göpel im Kreis gehen.

Da es damals für so eine Maschine noch keine Käufer gibt, fährt Schulze selbst als Lohnunternehmer von Bauer zu Bauer, bis die erste Dreschmaschine verkauft wird. Nach der Militärzeit erweitert Schulze den Betrieb. Dreschmaschinen werden nun über lange Riemen von Dampflokomobilen angetrieben. Der umtriebige Schmied, seit 1887 Meister, nutzt auch selbst die neue Technik. Eine günstig erworbene Dampfmaschine fliegt ihm beim Versuch, sie in Gang zu setzen, fast um die Ohren.

„Als ich den Kessel mit klopfendem Herzen zum ersten Male anheizte und denselben auf etwa drei Atmosphären Druck gebracht hatte, flog der eine Wasserhahn heraus, und der Dampf strömte nun restlos mit furchtbarem Getöse in die Arbeitsräume“, heißt es in seinen Erinnerungen. Die Arbeiter fliehen aus der Werkstatt. Er selbst dagegen macht die Höllenmaschine betriebsfertig, damit sie Bandsägen und Hobelmaschinen antreibt – denn Dreschmaschinen bestehen noch Jahrzehnte überwiegend aus Holz.

Doch der Betrieb in Römstedt ist zu klein, er eignet sich nicht für die Serienproduktion. In Bevensen, das noch lange kein Bad ist, findet Schulze an der Ebstorfer Straße ein passendes Grundstück direkt an den Schienen. Mit der Bahn werden zukünftig auch die Maschinen versandt. 1898 nimmt die Bevenser Maschinenfabrik ihre Produktion auf.

Sie wächst schnell. Schulze trifft geschickte taktische Entscheidungen. Damals kommen die ersten Verbrennungsmotoren auf den Markt. Die Bevenser Fabrik arbeitet ab 1902 mit dem Marktführer Deutz aus Köln zusammen. So kaufen Gutsbesitzer und große Bauern seine Maschinen zusammen mit den Motoren. An denen verdient wiederum der Fabrikant, der in Bevensen auch die Fahrgestelle aus Holz baut, denn auch der Antrieb muss noch von Pferden gezogen werden. Ab 1904 werden auch Strohpressen fabriziert.

Der Werkseingang des ehemaligen Standardwerks Bevensen. Heute werden hier Förderbänder hergestellt.

Doch das Wachstum hat eine Kehrseite. Dem erfolgreichen Fabrikbesitzer fehlt das Kapital. Er nimmt einen stillen Teilhaber auf. Für eine weitere Kapitalaufstockung bringt dieser den Uelzener Geschäftsmann Pistor mit, der in der 1908 gegründeten GmbH zweiter Geschäftsführer wird. Es beginnt ein echter Wirtschaftskrimi. Die beiden geraten schnell aneinander. Der Gründer wird rücksichtslos aus dem Unternehmen gedrängt und lässt sich auszahlen. Aus der Bevenser Maschinenfabrik wird schließlich eine Aktiengesellschaft.

Eine der letzten Dreschmaschinen, die von Heinrich Schnitker bis 1984 nach Afrika exportiert wurden.

Hier könnte die Geschichte zu Ende sein, doch Schulze, zu diesem Zeitpunkt 48 Jahre alt, fängt ganz von vorne an. In Hannover übernimmt er das insolvente Standardwerk, eine Haushaltswarenfabrik. Zuvor hat er sich versichert, dass seine Meister und Altgesellen aus Bevensen folgen. Mit ihnen startet er eine neue Produktion – und ist, obwohl seine ehemaligen Geschäftspartner ihm die Kunden abspenstig machen, erfolgreicher denn je.

Eine von Schulze entwickelte und patentierte Neuentwicklung, der Patentschüttler, wird zum Publikumsmagneten und Verkaufsschlager auf den Landwirtschaftsmessen. Allein im Jahr vor dem Ersten Weltkrieg werden 1000 Maschinen ausgeliefert. Schulze beschäftigt 230 Arbeiter und Angestellte.

Währenddessen geht es mit der Bevenser Maschinenfabrik unter den neuen Herren flott bergab. Die Qualität der Produkte leidet, Reklamationen häufen sich. 1913 ist die Fabrik konkursreif. Schulze wird in der Not ausgerechnet von seinem Feind zum alleinigen Geschäftsführer berufen und bringt dafür sein Patent in die Bevenser Fabrik ein, die später Teil des Standardwerks wird.

Von Gerhard Sternitzke

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Das Nachleben des Standardwerks Einer, der die Standard-Dreschmaschinen auch von innen kennt, ist Max Schnitker. Er hat selbst noch mitgearbeitet. „Die Maschinen waren robust und hatten eine unheimlich saubere Dreschleistung. Und sie waren universell einsetzbar“, erklärt er. Die Firma des Bevenser Unternehmers produziert in einer Halle auf dem früheren Werksgelände Förderbänder für die Möbelindustrie. Der Niedergang der Bevenser Fabrik kam mit dem Aufkommen der Mähdrescher. „Das war der Fehler von Standard“, sagt Schnitker: „Da ist die Entwicklung nicht weitergegangen. Die sind langsam gestorben.“ 1978 geht das Werk in Konkurs, aber es gibt ein kurzes Nachleben. Schnitkers Vater Heinrich übernimmt das Werk und fertigt weiter Dreschmaschinen, die inzwischen ganz in Metall hergestellt werden. Am deutschen Markt haben die keine Chance, sie werden nach Afrika exportiert, wo einfache, robuste Maschinen benötigt werden. Um Reis oder Hirse zu dreschen, brauchen nur die Siebe verändert zu werden. Ein unbenutztes Exemplar steht noch in der Halle. 1984 ist dann endgültig Schluss. In Nigeria putscht das Militär. 300 verkaufte, aber noch nicht bezahlte Maschinen, das kann das kleine Unternehmen nicht wegstecken. Mit den Förderbändern ist Schnitker senior erfolgreicher. Sein Sohn sagt: „Es lebt halt weiter, nur immer anders.“

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