Bei „Anne Will“ sieht Birgit Steinbach einen früheren Mieter wieder – seitdem denkt sie viel über den „Sozialstaat“ nach

Gratwanderungen beim Helfen

Den am 15. Juli 2005 abgeschlossenen Mietvertrag hat Birgit Steinbach nach der Anne-Will-Sendung noch einmal herausgesucht. Foto: Oliver Huchthausen

Uelzen. Es heißt: Im Leben sieht man sich immer ein zweites Mal. Birgit und Klaus-Dieter Steinbach aus Uelzen haben in den vergangenen Tagen oft an diesen Spruch aus dem Volksmund denken müssen.

Für sie gab es ein „Wiedersehen“ mit einem früheren Mieter, oder besser gesagt: Beinahe-Mieter. Denn die „1-Zimmer-Wohnung mit Küche, Bad, Loggia und einem dazugehörigen im Kellergeschoss befindlichen Kellerraum“ in Uelzen, für die am 15. Juli 2005 ein Mietvertrag geschlossen wurde, bezog Helmut Richard Brox nie.

Es ist ein gemeinsamer Fernsehabend, der die Vergangenheit wieder heraufbeschwört. Die Talk-Show „Anne Will“ läuft in der ARD – das Thema: „Betteln, schnorren, Spenden sammeln – wird unser Mitleid ausgenutzt?“ In der Runde geht es um bedürftige Menschen, die zum Überleben auf der Straße um eine milde Gabe bitten müssen. Es geht um Gruppen, die aus Mitleid ein Geschäft machen, und um einen „Sozialstaat Deutschland“, in dem – so eine Position – keiner betteln muss, weil jedem geholfen wird. Hartz-IV, Obdachlosenheime, Tafeln sind die Stichworte. Es wird kontrovers und teils lautstark diskutiert. Und es wird auch thematisiert, dass es nicht immer leicht ist, zu entscheiden, ob jemand die Spenden auf der Straße wirklich braucht. Dieser schmale Grat des Helfens ist es auch, der die Steinbachs seit der Sendung umtreibt, weil sie in der Gesprächsrunde Helmut Richard Brox entdeckten, dem sie vor sieben Jahren „helfen wollten, der dann aber einfach spurlos verschwand“, wie Brigit Steinbach sagt.

Der heute 48-jährige Brox wird als ein Mann in die Sendung eingeführt, der seit mehr als 20 Jahren mit kurzen Unterbrechungen auf der Straße lebt und der seinen Lebensunterhalt mit Betteln bestreitet. Ein kurzer Film zeigt, wie er in einer Fußgängerzone Menschen um Spenden bittet. Eine sehr verkürzte Darstellung, findet Brox später im Gespräch mit der AZ; er verdinge sich auch als Tagelöhner, müsse nicht nur betteln.

Von Anne Will in der Sendung angesprochen wird auch sein Engagement für andere Obdachlose. Helmut Richard Brox unterhält seit 2007 unter anderem die Homepage www.ohnewohnung-wasnun.de, auf der aus dem gesamten Bundesgebiet sichere Schlafplätze zu finden sind. Brox bietet zudem Lebenshilfe für andere Menschen an, die wie er ohne Obdach sind. Dafür wurde er in diesem Jahr auch für den Deutschen Engagementpreis in der Kategorie „Einzelperson“ vorgeschlagen. In der Talk-Show gibt er sich als Anwalt der Bedürftigen, sagt: „Jeder Mensch auf der Straße, der bettelt, gibt auch ein Stück Würde ab.“ Dennoch: Er gehe diesen Weg und „nicht aufs Amt“, um dem Staat nicht auf der Tasche zu liegen. Eine krude Argumentation, wie nach der Sendung in Online-Kommentaren auf der Homepage zur Talk-Show zu lesen ist. Birgit und Klaus-Dieter Steinbach können bei diesen Ausführungen nur den Kopf schütteln, sind tags darauf auch noch so aufgewühlt, dass sie sich an die AZ wenden. Sie haben eine andere Geschichte über den Talk-Show-Gast zu erzählen und befürchten, dass dem „Sozialstaat Deutschland“ ein Schaden entstanden ist.

Vor sieben Jahren, so berichtet Brigit Steinbach, habe Brox sich bei ihr gemeldet, um die freistehende 1-Zimmer-Wohnung zu mieten. Dass er zuvor ohne Wohnsitz gewesen sei, habe sie gewusst, sagt die Uelzenerin. Es ist auch im Mietvertrag vermerkt, der der AZ vorliegt. „Er hatte erzählt, dass er und seine Familie Opfer des Tsunamis in Südasien geworden seien und er einen Neuanfang in Uelzen starten wolle“, so Steinbach. Ohne Vorurteile sei sie ihm begegnet, sie habe ihm helfen wollen. „Jeder verdient eine Chance“, sagt die Uelzenerin.

Birgit Steinbach weiß noch, dass Helmut Brox, weil er aus eigenen Kräften die Miete nicht aufbringen konnte, einen Antrag beim Landkreis Uelzen stellte, um sogenannte „Kosten der Unterkunft“ im Rahmen der Sozialhilfe zu bekommen. Und er habe, weil er auch keine Möbel besessen habe, auch dafür Gelder beim Kreis beantragt und „meines Wissens auf seine Bitte hin bar ausgezahlt bekommen“, so Birgit Steinbach. Davon wollte er eigentlich Möbel, die noch aus einem Familiennachlass der Steinbachs stammten, übernehmen. Eigens dafür hat das Uelzener Ehepaar eine Liste mit den Einrichtungsgegenständen und den jeweiligen Beträgen verfasst, die ebenfalls der AZ vorliegt. Acht Positionen und eine Gesamtsumme für die Wohnungsausstattung von 430 Euro weist das Papier aus. Das Geld für die Möbel hätten sie, so erklären Birgit und Klaus-Dieter Steinbach dann aber nicht mehr gesehen, genauso wenig wie ihren Mieter.

Kurze Zeit nach dem Abschluss des Mietvertrages sei es im Mietshaus zu einem Wasserschaden gekommen und man habe alle Mieter verständigen müssen. Weil Helmut Richard Brox nicht auf Klingeln und Kontaktaufnahmen reagiert habe, sei man schließlich in Wohnung. „Der Mietvertrag lag zusammen mit den Schlüsseln in einem Raum“, erinnert sich Birgit Steinbach. „Es war für uns klar, ein Einzug hat nicht stattgefunden“.

Klaus-Dieter Steinbach betont gegenüber der AZ, dass ihm und seiner Frau kein finanzieller Schaden entstanden sei, „aber vielleicht der Allgemeinheit“. Weil man die Wohnung anderweitig vermieten und auch die Mietzahlungen des Kreises stoppen wollte, habe er sich an das Sozialamt gewandt, sagt Klaus-Dieter Steinbach. „Dort erhielt ich aber die Auskunft, dass keine personenbezogenen Angaben gemacht werden“, erinnert sich der Vermieter. Erst als er bei einer Veranstaltung den damaligen Landrat Dr. Theodor Elster darauf angesprochen und um eine Klärung gebeten habe, habe der Kreis schließlich die Mietzahlungen eingestellt.

„Ärgerlich war es ohnehin, aber dann erlebt man Herrn Brox bei Anne Will und hört, dass er niemanden auf der Tasche liegen will“, sagt Brigit Steinbach. Den Talkshow-Gast und früheren Beinahe-Mieter erreicht die AZ über eine Handy-Nummer in Berlin. Ja, er wisse noch, dass es seinerzeit mit Frau Steinbach eine „Absprache“ geben habe. „Doch an mehr kann mich nicht erinnern“, sagt er. Bei späteren Telefonaten – er meldet sich drei, vier, fünf Mal noch bei der AZ, weil er sich wegen der Recherchen sorgt –, lichtet sich der Nebel. Er habe sich „von der Vermieterin überfahren gefühlt“, schildert er in den Gesprächen. „Ich sollte unentgeltlich Hausmeisterdienste übernehmen, das wollte ich nicht. Und wenn ich Geld vom Kreis bekommen habe, dann habe ich es entweder an Steinbachs abgegeben oder zurückgegeben“, so Helmut Richard Brox. Er fragt: „Warum meldet Frau Steinbach sich nach all den Jahren jetzt wieder?“ Sie habe sich doch damals telefonisch bei ihm melden können, um zu fragen, warum er die Stadt verließ. Birgit Steinbach erklärt, dass sie eben keine Telefonnummer von ihm gehabt habe. Und auch er hätte einen Mucks von sich geben können. Und dass er sich überfahren fühlte, mag sie nicht nachvollziehen. Von Hausmeisterdiensten sei keine Rede gewesen. Es sei noch um die Renovierung einer Nachbarwohnung gegangen. „Herr Brox bot seine Hilfe an, um sich noch etwas dazu zu verdienen“, so die Vermieterin.

Zu Wort meldet sich in der Angelegenheit, keine 24 Stunden nachdem die AZ mit Helmut Richard Kontakt aufnahm, ein prominenter Journalist und Autor: Günther Wallraff. Der Mann, der bei der Bild-Zeitung Hans Esser war. Walraff kennt den Obdachlosen Helmut Richard Brox persönlich. Der Obdachlose hat bei ihm und seiner Familie sogar für eine Zeit in Köln gelebt. Walraff bricht eine Lanze für Helmut Richard Brox. „Ich habe ihn erlebt, ich kann Positives berichten“, so der Journalist. Er habe er dann für Brox auch eine eigene Wohnung organisiert. „Allerdings gab er diese nach einigen Monaten wieder auf“, sagt Günther Walraff. Für das Phänomen, dass Menschen, die über viele Jahre auf der Straße leben, nicht sesshaft würden, gebe es viele unterschiedliche Antworten, weiß der Enthüllungsjournalist. Eine sei sicherlich, dass die Betroffenen andere Lebensräume gewohnt seien, auch nur schwer Freunde finden würden.

Nicht nur bei Günther Wallraff ist Brox bekannt. Auf die „schrecklichen Familienverhältnisse“, die der 48-Jährige in seiner Kindheit ertragen musste, und die schweren psychischen Folgen weist die Journalistin und Dokumentarfilmerin Ilona Ziok hin. Sie überlegt, eine Reportage über den Obdachlosen zu verfassen – will „seinen Weg auf die Straße“ nachzeichnen, steht deshalb mit ihm in Kontakt.

Zu seiner Kindheit hatte sich Brox bei Anne Will geäußert: „Ich habe kein normales Elternhaus gehabt, habe nie eine Schule besuchen dürfen – wenn es drei Jahre sind, die zusammengekommen sind. Ich habe keinen Beruf erlernt, mir sind all diese Dinge nicht gegeben worden. Die Straße war für mich ein Stück weit Befreiung, aus dem Elend herauszukommen, in dem ich war. Bin auch im Kinderheim sexuell genötigt worden von Erziehern, habe mich mit Gewalt gewehrt, wurde mit Jugendarrest bestraft dafür und die Straße war eine Befreiung“.

Der Landkreis Uelzen will zu gestellten Anträgen von Helmut Richard Brox aus „Gründen des Datenschutzes“ keine Angaben machen. Erklärt aber schriftlich, dass damals wie heute für die „Kosten der Unterkunft“ ein schriftlicher Antrag gestellt werden muss. Dafür müsse ein aktueller Mietvertrag vorgelegt werden. Bezüglich eines „Möbelgeldes“ sei es so, dass es seit 2005 nur noch finanzielle Zuwendungen für „Erstaustattung einer Wohnung“ gebe und diese würden unter anderem auch Obdachlose, die sesshaft werden möchten, erhalten. Der Landkreis stellt klar, dass ein Antragssteller – in diesem Fall Helmut Richard Brox –, falls eine Wohnung nicht bezogen wird oder aber es zu einem Ortswechsel kommt, diese Änderungen mitzuteilen hat. Das unterstreicht auch noch einmal Christoph Hinkelmann, Vorsitzender des Uelzener Mietervereins auf Anfrage. „Wenn Leistungen gezahlt werden, dann ist es an dem Antragsteller, die Behörde zu infomieren“, sagt er.

„Kurz vor Weihnachten wird viel über das Helfen gesprochen“, so Birgit Steinbach nachdenklich. Oftmals sei das nicht ganz einfach. Nach den Erlebnissen mit Helmut Richard Brox sei sie ernüchtert. „Sie glauben doch nicht, dass ich noch einmal einen Mietvertrag mit jemanden mache, der vorher keinen Wohnsitz hatte“, so Birgit Steinbach.

Paradox: Helmut Richard Brox setzt sich aber genau dafür ein. Auf seiner Homepage heißt es: „Rückführung in das bürgerliche Leben beginnt durch das Willkommensein in Taten und nicht in Worten.“

Von Norman Reuter

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