Gomel: Babys mit Leukämie

Ein Schaukel-Mofa überreichten die Uelzener bei ihrem Besuch im Radiologischen Zentrum Gomel den an Hämatologie erkrankten Kindern. Das Mofa hat ein krebskranker Uelzener gefertigt. Foto: Klinder

Uelzen. Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl hat sich heute vor 25 Jahren ereignet. Die Folgen sind noch immer unübersehbar. Die weißrussische Region Gomel wurde durch das Atomunglück in Tschernobyl 1986 stark verseucht. Vor allem dort sind „die Auswirkungen immer noch bemerkbar“, sagt der Uelzener Arno Klinder, der gerade erst aus der Gegend zurückgekehrt ist.

Mit sechs weiteren Mitgliedern aus dem Gomel-Ausschuss des Kirchenkreises Uelzen hatte er einen Hilfskonvoi begleitet. Vor Ort besuchten die Helfer eine Elterninitiative, die regelmäßig die Ferienfahrten der Kinder nach Uelzen organisiert, und übergaben den Jüngsten im Radiologie-Zentrum in Gomel ein „Schaukel-Mofa“, das ein krebskranker Uelzener für sie gefertigt hat. In dem Radiologie-Zentrum für Strahlenopfer werden nach Klinders Angaben derzeit 35 Kinder behandelt, die an der Blutkrankheit Hämatologie leiden.

Vor 25 Jahren hätte Gomel eigentlich evakuiert werden müssen, erinnert Klinder. Dass das nicht geschehen ist, zeigt sich am Nachwuchs derjenigen, die im Jahr der Reaktorkatastrophe selbst noch Kinder waren. „Zurzeit ist es so, dass extrem kleine Kinder extrem stark an Leukämie erkranken.“ Wenn bei einem Säugling Hämatologie festgestellt werde, müsse er etwa fünf bis sieben Jahre in Behandlung sein, ehe er wieder gesund ist. Und durch die große Armut in der Region bleibe es oftmals nicht bei nur einer Erkrankung der Kinder, viele müssen drei- oder viermal die Krankheit überstehen. Denn ihre Grundnahrung beziehen viele Familien aus dem eigenen Garten, erklärt der Uelzener, der in diesem Jahr zum 24. Mal dorthin gereist ist und wie seine Kollegen aus dem Ausschuss viele persönliche Kontakte geschlossen hat. „Sie holen ihr Gemüse aus dem verstrahlten Boden, da ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ihre Kinder noch einmal erkranken.“ So berichtet er von einem 19-Jährigen aus Gomel, bei dem dreimal Leukämie ausbrach. Ihm wurde die Milz entnommen, an deren krankheitsbedingter Veränderung eine bestimmte Form der Leukämie zu erkennen ist. Das dritte Mal habe er die Krankheit nicht überstanden und sei im Alter von 19 Jahren daran gestorben.

Doch in der Statistik vor Ort zählt jemand, der aus dem Radiologie-Zentrum entlassen wird und das Erwachsenenalter erreicht, als gesund, sagt Klinder. In den vergangenen Jahren sorgten Vermerke in den Papieren dafür, dass diese jungen Menschen, die jahrelang mit der Krankheit kämpften, einen leichteren Zugang zur Universität erhalten oder vom Militärdienst befreit werden, erklärt der Gomel-Reisende. Diese Regelung gilt nun nicht mehr, die Menschen werden als „gesund“ gerechnet und müssen ihren Militärdienst absolvieren. Eine Rente wird ihnen ebenfalls nicht mehr gezahlt.

„Die ganze wirtschaftliche Lage ist sehr bedenklich. An den Banken konnten wir beobachten, dass sich Schlangen bildeten.“ Es seien keine Euros und Dollars mehr zu erhalten, beobachtete er. Betriebe können schlecht kalkulieren, wie sich der Geldwert entwickelt. „Jeder möchte Geld, das er gespart hat, anlegen.“ Vermutlich deshalb musste die Uelzener Gruppe stundenlang an der Grenze zu Belarus warten, während auf weißrussischer Seite sich der Zoll mit der Abwicklung unzähliger Autos beschäftigte, die eingeführt wurden.

Von Diane Baatani

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