Kran an der Gudesstraße wird abgebaut / Protokoll eines Morgens

Gigantenballett am Himmel

Mit bereits gelöster Abspannstange hängt der 45 Meter lange Ausleger schief über Uelzen, gehalten vom Teleskoparm des Autokrans.

Uelzen. Wo sich Uelzener nach dem Abriss des Modehauses Wilgrü bald mit den Kreationen von C&A eindecken wollen, klappt ein Riese zusammen. Das Gerippe des neuen Modehauses steht.

Der Liebherr-Baukran „71 EC“, 38 Meter hoch, 100 Tonnen schwer samt Gewichten, der hier seit September 2012 stand, wird nicht mehr gebraucht. Die Baufirma Meyer baut das Leihstück der Hamburger Firma Feurig ab, ab dem frühen Montagmorgen werkeln die Bauarbeiter an der für die Arbeiten gesperrten Gudesstraße. Adalbert Schulze, Kranmonteur der Firma Meyer, erklärt vorher das Vorgehen: Zuerst werden die Gewichte am Gegenausleger – dem Hinterteil des Kranes – herausgehoben, dann wird der vordere Auslegerarm abgetrennt und herabgelassen. Die „Laufkatze“, der kleine Wagen samt Haken am Ausleger, rollt dafür ganz bis zum Führerhäuschen und wird dort arretiert. Dann hebt der Arm des „Faun“-Autokrans, der sich auf der Gudesstraße breitgemacht hat, den Gegenausleger samt Führerhaus ab.

Ein Protokoll:

7.35 Uhr: Adalbert Schulze steigt die Leitern innerhalb des Kranturms hinauf. Von dort hat er Überblick und kann die Haltebolzen lösen.

7.53 Uhr: Die Laufkatze rollt zum Führerhaus, Heiner Böttcher am Steuer des „Faun“-Autokrans hebt nacheinander die Ballastblöcke aus dem Gegenausleger, platziert sie vorsichtig auf der Gudesstraße. Die Fichtenbalken, auf denen die Teile abgelegt werden, ächzen. Aus dem Beton ragen die Bolzen, mit denen der Ballast im Gegenausleger ruhte: Stahlhenkel, vier Zentimeter im Durchmesser, die die 3,5-Tonnen-Gewichte seit Herbst 2012 davon abhielten, aus der Höhe in das Pflaster der Gudesstraße zu krachen. Männer in Business-Anzügen halten auf dem Weg zur Arbeit inne, ein Backpacker bleibt staunend stehen, eine ältere, adrette Frau schaut hoch und sagt fröhlich: „Da oben möchte ich nicht stehen“.

7.58 Uhr: Thomas Junge von der Firma Feurig und André Plachetka von der Firma Meyer hängen am Boden Maulschlüssel und einen schweren Akkuschrauber an den Haken des Autokrans. Der hebt sie dann hoch zum Turm des Baukrans, Adalbert Schulze nimmt sie an. Der lange Ausleger wird am Mobilkran befestigt.

8.15 Uhr: Schulze schlägt die Bolzen, die die schräge obere Abspannstange zwischen Führerhaus und Ausleger halten, frei. Der Arm neigt sich, nur noch in einem Gelenk am Turm gehalten, abwärts.

8.20 Uhr: Der Arm sackt immer tiefer. Die Laufkatze rollt an sein äußerstes Ende, wo das Lastenseil immer noch arretiert ist. Um es zu lösen, muss die Katze mit Wucht die Arretierung rammen. Adalbert Schulze auf der Kranspitze und Thomas Junge am Boden telefonieren per Handy und koordinieren. Der Arm neigt sich weiter zu den Häusern herab. Würde jemand auf dem Dach der Gudesstraße 4 stehen, er könnte die Katze berühren. Dann rastet der Haken des Hubseils aus, die Katze fährt zurück, der Arm ist ohne Hubseil und Katze, „komplett nackig“, sagt Junge dazu.

8.30 Uhr: Die Katze ist am Führerhaus festgemacht. Schulze schlägt die letzten Bolzen am Lastenarm los.

8.33 Uhr: Der Lastenarm ist frei. Das 45 Meter lange und drei Tonnen schwere Stahlgerippe schwebt über den Dächern Uelzens, gehalten vom Teleskoparm des Autokrans. Eine Minute später liegt es auf der Gudesstraße – es reicht von der Kreuzung am Alten Rathaus bis zur Gudesstraße 10.

8.45 Uhr: André Plachetka und Thomas Junge zerlegen den Ausleger am Boden. Sie schlagen drei Kilo schwere, gut 20 Zentimeter lange und fettige Bolzen aus den Bauteilen, um sie voneinander zu trennen.

9.00 Uhr: Die Teile des Auslegers werden von Plachetka und Junge mit Hilfe des Autokrans am Rand der Gudesstraße ordentlich zusammengelegt. Derweil erwacht die Geschäftswelt: Eine Angestellte des nahen Optikers stellt einen der wegen ihrer Kosten umstrittenen Aufsteller auf den Bürgersteig. Das Glockenspiel an den Läden der „Fünf Propheten“ bei St. Marien spielt „Bolle reiste jüngst zu Pfingsten“. Minute für Minute verdampft die Sonne die Wolkendecke, kriecht südwärts und erleuchtet dann strahlgerade die Gudesstraße. Ältere Herren verfolgen den Abbau gebannt. Ein dickes Baby sitzt in seinem Kinderwagen, blickt traumverloren geradeaus, interessiert sich nicht die Bohne für den Kran. Für das Baby ist der Mittelpunkt des Universums der Schnuller in seinem Mund.

9.14 Uhr: Das größte Bauteil des Krans, der Gegenausleger samt Führerhaus, Ballastaufhängung, Seilwinde und Katze, wird in seinem Sockel gelockert. Adalbert Schulze und ein weiterer Arbeiter lösen die Befestigungen zum obersten Segment des Turms.

9.20 Uhr: Der Autokran hebt den Gegenausleger vom obersten Turmsegment herab. Mobilkran-Führer Böttcher schwenkt das 13 Tonnen schwere Teil über das Kaufhaus Ceka/Müller und über die Gudesstraße.

9.28 Uhr: Der schwere Gegenausleger senkt sich auf der Gudesstraße auf schwere Balken. Am entstehenden Gebäude bleibt ein enthaupteter Stahlgigant zurück. Auch er ist am Nachmittag verschwunden.

Von Kai Hasse

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