Wandel im Glaser-Handwerk: Revolution durch industrielle Herstellung

„Es gibt nicht mehr viele“

Sammlerstücke – alte Glasschneider, die Obermeister Karl-Heinz Tute sammelt.

Uelzen. „Alles nur Sand“, erklärt Glasermeister Karl-Heinz Tute, Bezirksobermeister Lüneburg-Stade, sich um einen beschwichtigenden Ton bemühend. Für den Laien schwer nachvollziehbar, wenn er seinen Blick durch eine Scheibe hindurch gleiten lässt.

Tatsächlich wurde das Material vor Jahrhunderten nur durch Zufall beim Erlöschen eines Feuers am Strand entdeckt. In der zurückgebliebenen Asche fanden sich kleine Glaskugeln.

Zur Herstellung von Glas, wie man heute noch in den Glashütten beobachten kann, schmilzt ein auf rund 1600 Grad Celsius erhitztes Sandgemisch zu einer zähen Flüssigkeit, die beim Erkalten zu Glas erstarrt. „Vorher werden die Glasmacher tätig“, erzählt Karl-Heinz Tute mit Begeisterung für das Handwerk und den Werkstoff Glas. „Sie tauchen die Glasmacherpfeife in die Masse und ziehen das Rohr in einer leichten Drehbewegung zurück, um den vorne anhaftenden Klumpen aus flüssigem Glas zu verarbeiten.“

Der werde dann zu einem Kegel aufgeblasen bis die Masse in der Luft erstarrt und vom Glasmacher abgesprengt werde. Deckel und Boden werden entfernt und der offene Kegel wird langsam heruntergetempert. „Dann wird der Kegel noch mal angewärmt und platt gedrückt, bis eine Platte vor ihm liegt. Dieses Prozedere hat sich seit Jahrhunderten nicht verändert.“

Um eine spezielle Farbe oder auch Eigenschaften zu erzielen, werden der Quarzsand-Schmelze vom Gemengemeister – der wichtigste Mann in der Glashütte – andere Stoffe in Form von feinen Pülverchen hinzugefügt.“ Die Gemenge-Bude, aus der der Gemengemeister die Stoffe herbeiholt, muss man sich vorstellen wie eine Apotheke mit Schubladenschränken. Die zwischen zwei und 19 Millimeter dicken Glasplatten werden dann durch ein Zinnbad gezogen und erhalten so ihre planparallele Oberfläche.

Die kleinen Stücke werden seit jeher für Bleiverglasungen verwendet. Butzenfenster und Bierhausscheiben aus vielen kleinen runden Scheiben werden aus den Resten der Schmelze hergestellt. Dazu werden nur kleine Kugeln geblasen und dann platt gedrückt – nur die mit dem hohlen Rand ist eine echte Butze – das größte waren damals Mondscheiben mit einem Durchmesser von 30 Zentimetern. Wenn man an alten Fensterscheiben vorbeigeht, sieht man noch, dass die leicht wellig sind. Mit Bleiverglasungen, wie für den Kölner Dom fing das Glashandwerk an. Auch das muss ein heutiger Glaser noch können. Darüber hinaus erstellt er heute alles vom Bilderrahmen mit Passepartout über Konstruktionen für hochwertige Möbel bis hin zu High-Tech-Glasfassaden, wie bei der Elb-Philharmonie. „Ein irre breites Spektrum“, begeistert sich Tute immer wieder und erzählt von Funktionsscheiben, wie Autoscheiben, Isolierglas – an das vor 30 Jahren noch keiner so richtig glaubte und die Produkte Thermopane und Acrylglas, beides eingetragene Warenzeichen.

„Die Herstellung industriell gefertigten Glases hat zwar unser Handwerk in gewisser Weise revolutioniert, und trotzdem muss der Glaser das Handwerk in seiner gesamten geschichtlichen Entwicklung beherrschen.“ Damit einher gingen zahllose Sicherheits-Vorschriften, die den Alltag des Glasermeisters weitestgehend bestimmen, erzählt der Obermeister, der auch öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger ist. „Es gibt nicht mehr viele von uns“, erzählt Tute, „kleinere Betriebe, der Meister mit seinem Gesellen und in den Industriemetropolen auch Betriebe mit bis zu 200 Mitarbeitern.

Von Angelika Jansen

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