Männer in allen ihren Posen: Tucholsky-Abend mit Dorit Meyer-Gastell im Neuen Schauspielhaus

„Gib mal ‘n Kuss auf Lottchen“

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In verschiedenen Kleidern trägt Dorit Meyer-Gastell Gedichte von Kurt Tucholsky vor.

Uelzen. Seit rund 20 Jahren gehört sie fast schon zum Inventar des Neuen Schauspielhauses an der Rosenmauer, zeigte hier alle ihre Programme: Dorit Meyer-Gastell. Kein Wunder also, dass sie eine große Fan-Gemeinde hat.

Bei dem Tucholsky-Abend am Sonnabend ist das Schamuhn’sche Theater nahezu ausverkauft.

Begleitet wird „Lottchen“ von Jurij Kandelja am Bajan. Fotos: Frels

Und – um es vorwegzusagen – niemand wird das Herkommen bereuen. Zwei humorige, tiefschürfende, den Geist anregende Stunden lang amüsiert Dorit Meyer-Gastell mit Gedichten und längeren Prosa-Texten Kurt Tucholskys (1890 bis 1935). Viele dieser Texte und Gedichte, die sie an diesem Abend mit viel Charme und Lässigkeit, mit gerafftem Rock und Netzstrümpfen, mit lasziver Verruchtheit und Erotik in Stimme und Habitus vorträgt, offenbaren einen Blick für Kleinigkeiten, ein Gespür für die Gedanken hinter den Gesichtern derer, über die er schreibt. Lottchen zum Beispiel. „Gib mal ‘n Kuss auf Lottchen“, sagt die und fährt fort: „In den ganzen vier Wochen, wo du in der Schweiz gewesen bist, hat mir keiner einen Kuss gegeben.“

Wer das Lottchen war und auch die Lydia in „Schloss Gripsholm“, der amüsanten, leichten Geschichte einer Sommerliebe, machte 1962 die Journalistin Lisa Matthias in ihrem Bekenntnisbuch „Ich war Tucholskys Lottchen“ öffentlich. Diesem Buch entnimmt Dorit Meyer-Gastell die überleitenden Texte zwischen den einzelnen Gedichten und Chanson-Texten. Musikalisch begleitet sie ihr Partner Jurij Kandelja am Bajan, der osteuropäischen Version des Knopfakkordeons.

Besonders „Das Ideal“ spiegelt die Zerrissenheit der Gesellschaft wider, die Spanne zwischen Wunsch und Wirklichkeit in den Zwanzigern. „Ja, das möchste: eine Villa im Grünen mit großer Terrasse, vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße; mit schöner Aussicht, ländlich-mondän, vom Badezimmer ist die Zugspitze zu seh‘n. Eine süße Frau voller Rasse und Verve. Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion. Und noch ne Million und noch ne Million!“ Aber: „Etwas ist immer. Tröste dich. Jedes Glück hat einen kleinen Stich. Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten. Dass einer alles hat: Das ist selten.“

Frech und keck berlinert sich Meyer-Gastell durch Tucholskys Texte, wird nachdenklich: „In stiller Nacht und monogamen Betten denkst du dir aus, was dir am Leben fehlt.“ Und erkennt „Man möchte immer eine große Lange, und dann bekommt man eine kleine Dicke – c’est la vie!“

Von Folkert Frels

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