Gestrandet am Gleis 103

Weil Fahrstuhl defekt ist: 38-Jähriger mit halbseitiger Lähmung erlebt Odyssee am Uelzener Bahnhof

Zwei Mal sitzt ein 38-Jähriger am Gleis 103 des Uelzener Hundertwasser-Bahnhofs fest, weil der Fahrstuhl defekt ist. So braucht er Stunden, bis er bei seinem Bildungsträger ist.
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Zwei Mal sitzt ein 38-Jähriger am Gleis 103 des Uelzener Hundertwasser-Bahnhofs fest, weil der Fahrstuhl defekt ist. So braucht er Stunden, bis er bei seinem Bildungsträger ist.
  • Norman Reuter
    vonNorman Reuter
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Diesen Tag wird Jörg H. * nicht so schnell vergessen. Eigentlich fährt der 38-Jährige mit dem Zug acht Minuten von Bad Bevensen nach Uelzen, um in der Hansestadt am Unterricht eines Bildungsträgers teilzunehmen.

Uelzen – Diesmal vergehen Stunden, bis er im Schulungsraum Platz nehmen kann. Der Grund: ein defekter Fahrstuhl am Uelzener Hundertwasser-Bahnhof.

Jörg H. leidet unter einer Spastik, ist halbseitig gelähmt. „Das ist wie durchgeschnitten. Das Gehen fällt mir schwer“, schildert der 38-Jährige. Er nutzt ein Elektromobil. „Mehr als 100 Kilo wiegt das“, sagt er.

Als er an diesem Tag in der vergangenen Woche kurz vor neun Uhr in Uelzen eintrifft, kommt er nicht vom Gleis 103 herunter. Der Fahrstuhl ist außer Betrieb.

Ein Zugbegleiter habe ihm geraten, weiter bis nach Celle zu fahren, berichtet H. Dort könne er einen Zug in die Gegenrichtung nehmen, der dann in Uelzen an einem anderen Gleis halte. Der 38-Jährige nimmt das in Kauf. Als er aber den Zug aus Celle kommend in Uelzen über eine Rampe verlässt, traut er seinen Augen kaum: „Ich stand wieder auf Gleis 103.“

Defekte Fahrstühle am Bahnhof – sie sind für Zugreisende ein Ärgernis. Menschen wie Jörg H. sind auf sie angewiesen. Über Monate hinweg hatte 2019 der Fahrstuhl am Gleis 101 für Frust gesorgt, weil er nicht zu nutzen war. Kaum war er zu Beginn 2020 komplett erneuert worden, war er wieder wegen Vandalismus außer Betrieb (AZ berichtete).

Dass Menschen auch in Fahrstühlen des Uelzener Bahnhofs stecken bleiben, zeigt der Blick in die Einsatzprotokolle der Feuerwehr: 2020 musste sie sechs Mal Leute aus den Kabinen befreien. Das ist nicht nur technischen Problemen geschuldet, weiß Ortsbrandmeister Reiner Seidel. In die Fahrstühle würden sich auch mehr Menschen begeben als zulässig. „Dann geht der Fahrstuhl auf Störung“, so Seidel.

Das passiert auch in Corona-Zeiten. „Das letzte Mal hat es deswegen auch eine deutliche Ansage von der Bundespolizei gegeben“, berichtet Reiner Seidel.

Warum Jörg H. das Nachsehen hatte, dazu erklärt eine Bahnsprecherin, dass es in der vergangenen Woche beim Fahrstuhl 103 mehrfach Probleme mit der Tür gegeben habe. Um zu verhindern, dass Menschen befreit werden müssen, sei der Fahrstuhl außer Betrieb gesetzt und ein Techniker beauftragt worden.

In einem solchen Fall, wie Jörg H. ihn schildert, sollten sich Betroffene telefonisch an die sogenannte 3-S-Zentrale wenden, deren Nummer an den Fahrstühlen zu finden sei. „Die Mitarbeiter dort kümmern sich dann und zeigen Lösungen auf“, so die Bahnsprecherin. Vorab sei auch unter www.bahnhof.de einzusehen, ob es zurzeit technische Schwierigkeiten mit den Fahrstühlen am Bahnhof gebe. Einer Abfrage auf der Homepage gestern zufolge waren vier von fünf Fahrstühlen in Betrieb, zum Fahrstuhl 101 lautete das Ergebnis: „Zurzeit keine Information“.

Jörg H. schafft es vergangene Woche noch zum Bildungsträger. Erneut vor das Problem gestellt, dass er am Gleis 103 gestrandet ist, wird über das Bahnpersonal ein Techniker herbeigeholt, der den Fahrstuhl für Jörg H. in Gang setzt. „Abends bin ich dann mit dem Bus gefahren“, berichtet der 38-Jährige.

*Name geändert.

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