Kommentar von AZ-Redakteur Norman Reuter zum Thema Ab- und Ausgrenzung innerhalb der Gesellschaft

Gesellschaftlicher Klimawandel

Die „Gruppe beherzt“ (Foto) macht darauf aufmerksam, dass rechte Ideologien nicht nur in Hamburg, Berlin, Köln oder München zu finden sind, sondern auch ein paar Meter entfernt von einem selbst.
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Die „Gruppe beherzt“ (Foto) macht darauf aufmerksam, dass rechte Ideologien nicht nur in Hamburg, Berlin, Köln oder München zu finden sind, sondern auch ein paar Meter entfernt von einem selbst.

Die Linie war schnell gezogen. Als sie neon-grell am Montag an der Uelzener Stadthalle am Boden leuchtete, um Besucher der AfD-Veranstaltung und Teilnehmer einer Gegendemo voneinander zu trennen, wurde einem bewusst, wofür sie eigentlich steht.

Sie ist Sinnbild für eine Gesellschaft, die auseinanderdriftet. In der sich das Klima unter den Menschen verändert hat. In der zwischen den Menschen Linien gezogen werden.

Wir leben in Zeiten, in denen Anfeindungen gegenüber Mitmenschen an der Tagesordnung sind – im Netz oder auf der Straße. Wir leben in Zeiten, in denen es zu einer Verrohung der Sprache kommt. Der gesellschaftliche Zusammenhalt bleibt dabei auf der Strecke. Das kommt nicht von ungefähr.

Kräfte schüren Ressentiments, mit den Gefühlen und Ängsten der Menschen wird gespielt. Beispiel vom Montag aus der Stadthalle gefällig?

Da wurde gleich zu Beginn vom Vorsitzenden des Uelzener AfD-Kreisverbandes, Tim Konieczny, davon gesprochen, Uelzen habe wahrlich Probleme. Er listete eine Reihe von Straftaten auf, um dann den Uelzener „Eliten“ vorzuwerfen, sie würden sich nicht darum kümmern, sondern um Ladesäulen für E-Mobilität.

Solche Sätze fallen nicht irgendwo, sie fallen vor der eigenen Haustür. In der Nachbarschaft. Dort erleben Uelzener Kreisbewohner auch Menschen, die vielleicht viel über Gemeinschaft sprechen, deren Weltanschauung aber eine der Abgrenzung gegenüber anderen ist. Menschen aus anderen Ländern oder Homosexuelle haben in ihrer „Welt“ nichts verloren. Die „Gruppe beherzt“ macht darauf aufmerksam, dass solche rechten Ideologien eben nicht nur in Hamburg, Berlin, Köln oder München zu finden sind, sondern auch ein paar Meter entfernt von einem selbst.

Mit dem Aufbau der „Gruppe beherzt“ brach zugleich eine Diskussion los, wie man Menschen begegnen soll, die rechten Ideologien anhängen. Eine befriedigende Antwort gibt es bislang nicht.

Nun mag man meinen, Menschen mit solchen Weltanschauungen seien ein überschaubarer Haufen. Beim Durchzählen der Besucher der AfD-Veranstaltung in Uelzen wurden auch „nur“ 40 Männer und Frauen gezählt. Also warum sich überhaupt mit ihnen beschäftigen?

Morgen sind Landtagswahlen – und es wird sich zeigen, ob zum ersten Mal in Deutschland die AfD, die sprachliche Tabu-Brüche zur Stilform erhoben hat und wie am Montag zu erleben war, mit den Ängsten der Menschen spielt, in einem Bundesland die meisten Stimmen bekommen wird.

Am Montag an der neonfarbenen Linie stellte sich einem die Frage, worin diese Entwicklung münden wird. Beispiele der jüngsten Geschichten zeigen: Es bleibt nicht nur bei Worten. Erinnert sei an die Taten der NSU. An die Ermordung von Walter Lübcke in diesem Sommer. Von diesen Straftaten war in der Stadthalle von Tim Konieczny übrigens nichts zu hören.

VON NORMAN REUTER

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