„Ich habe immer noch Angst“

Aus dem Gericht: Hat ein 40-Jähriger eine junge Frau in Uelzen ausgeraubt?

Der Angeklagte, geboren in Mombasa, mit Pflichtverteidiger Stefan Hüdepohl. Wegen der Corona-Krise müssen gestern bis Beginn der Verhandlung Masken getragen werden.
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Der Angeklagte, geboren in Mombasa, mit Pflichtverteidiger Stefan Hüdepohl. Wegen der Corona-Krise müssen gestern bis Beginn der Verhandlung Masken getragen werden.

Uelzen/Lüneburg – Ihre Stimme droht zu versagen. Das rechte Bein kann sie nicht stillhalten. Die 24-jährige Auszubildende E. berichtet im Lüneburger Landgericht aufgewühlt von jenem Moment im vergangenen Herbst, der sie bis heute verfolgt: „Ich kann immer noch nicht richtig schlafen. Ich habe noch immer Angst“, sagt sie. 

In der Nacht zum 30. November ist sie nach eigenen Angaben Opfer eines schweren Raubes geworden. Der Fall beschäftigt seit gestern das Landgericht.

Vor der Volksbank an der Gudesstraße, auf dem Weg zu einer Musikkneipe, soll sie mit einem Cuttermesser bedroht worden sein, bevor der Täter sich ihres Portemonnaies bemächtigte, berichtet E. im Zeugenstand.

Als mutmaßlicher Räuber sitzt ein 40-Jähriger auf der Anklagebank, dessen Vorstrafenregister lang ist. Unter anderem wegen schwerer Körperverletzung, durch die nun ein Mann Zeit seines Lebens querschnittsgelähmt ist, wurde er bereits zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Den Raub in Uelzen begangen zu haben, bestreitet der 40-Jährige gestern beim Prozessauftakt. „Ich habe sie nicht ausgeraubt“, sagt er. Er glaubt vielmehr, dass E. ihm schaden wolle.

Richter Thomas Wolter hält indes die Aussagen des Opfers für glaubwürdig, wie er erklärt, wenngleich E. die Kammer auch verblüfft. In einer Detailfrage muss sie ihre Aussage gestern im Zeugenstand korrigieren, nachdem sich Widersprüche zwischen ihren Angaben im Gerichtssaal und zuvor gegenüber der Polizei auftun.

Eine Freundin, von der sie behauptete, sie habe noch die Geschehnisse mitbekommen und habe dann das Weite gesucht („Sie hat mich im Stich gelassen“) war wohl gar nicht zugegen. Grundsätzlich werden ihre Schilderungen von der zweiten großen Strafkammer nicht angezweifelt. „Warum sollte sie Sie auch belasten? Welchen Grund hätte sie dafür?“, fragt Thomas Wolter den Angeklagten. Der weiß darauf keine Antwort. Er schildert den Verlauf des Tattages aus seiner Sicht.

Mit dem Lohn aus dem Vormonat hat er demnach zunächst in Lüneburg ein Handy gekauft, bevor er am Nachmittag mit dem Zug nach Uelzen fährt, um dort mit einem Bekannten abzuhängen. Es wird ein Zechgelage, unter anderem am Bahnhof, bei dem er mit dem Bekannten immer wieder Bier trinkt, kleine Jägermeister-Flaschen leert und Joints raucht. Dabei wird auch am Computer gespielt, bevor es zur Uelzener Partymeile geht. Der Zugang zu Kneipen sei ihm von den Türstehern aber verwehrt worden, weil er eine Jogginghose getragen habe, schildert der Angeklagte. Nachdem er sich schließlich beim Bekannten eine Jeans borgt und auch in dessen Wohnung anzieht, wird das Duo beim erneuten Gang in die Stadt von einer Polizeistreife wegen des Raubes angehalten. Gegenüber den Beamten bestreitet er wie auch im Gericht die Tat.

Womöglich kann der Bekannte Licht ins Dunkel bringen, der nach Aussage des Opfers beim Raub in der Nähe gestanden und die Ereignisse mitbekommen haben soll. Die Kammer will ihn gestern hören, doch der Zeuge taucht nicht auf. Nun soll der Bekannte am 18. Mai aussagen, wenn der Prozess weitergeführt wird. Sein Fernbleiben gestern kostet ihn 200 Euro Ordnungsgeld.

VON NORMAN REUTER

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