Christine Kandora wird bald sterben / Die Zeit bis dahin verbringt sie im Hospiz am Stadtwald

„Genieße jeden Tag, der kommt“

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Eine Karriere bei der Berliner Kriminalpolizei und eine intakte Familie bestimmen noch vor fünf Jahren Christine Kandoras Leben. Doch der Tod ihres Mannes und die eigene Krebserkrankung ändern alles. In ihrem Zimmer im Hospiz spricht sie darüber.

Uelzen. In den vergangenen fünf Jahren hat sich das Leben von Christine Kandora komplett gewandelt. Urplötzlich stirbt ihr Mann, bei ihr selbst beginnen kurz danach Durchfälle, sie hat Schmerzen und es kommt zu „mordsmäßigen Anschwellungen“ des Bauches.

Vor gut einem Jahr stellen die Ärzte Krebs fest, im Darm und im Bauchfell. Als die Ärzte von einem Elf-Zentimeter-Tumor sprechen, überlegt die heute 59-Jährige, ob sie sich darüber freuen soll – Immerhin hat sie jetzt Klarheit. Klarheit, was die Schmerzen verursachte. Klarheit darüber, dass ihre Situation sehr ernst ist – und bleiben wird.

Trotz dreier Chemotherapien bessert sich ihr Gesundheitszustand nicht: „Die ersten zwei brachten gar nichts, an der dritten wäre ich fast krepiert“, berichtet die Berlinerin mit der redensartlichen „Schnauze“ bei einem Glas Wasser in ihrem Hospiz-Zimmer im ersten Stock. Ebenso freimütig spricht sie von ihrem Entschluss für das Hospiz und gegen ein Altersheim. „Wenn sie wie ich zuhause ein paar Mal hinfallen, vergeht ihnen die Experimentierfreude. Aber in ein Heim? Da springe ich lieber vom Fernsehturm!“

Die Erfahrungen, die sie vor Jahren bei Besuchen ihrer Mutter im Altersheim machte, wirkten zu abschreckend auf die energische Witwe, die bei der Berliner Kriminalpolizei Karriere machte, schnell in den Dienstgrad der Ersten Hauptkommissarin befördert wurde und über 37 Jahre in verschiedenen Positionen Gewaltverbrechen aufklärte, Intensivtäter festnahm und Drogenhändler auffliegen ließ. „Nichts“, sagt Kandora in Bezug auf diese berufliche Vergangenheit, „ist nach 37 Jahren Kripo so ausgeprägt wie mein Ruhebedürfnis.“

Im Hospiz werde diesem Ruhebedürfnis entsprochen: Kandora schläft viel und gelegentlich löst sie die Aufgaben in einem der Kreuzworträtselhefte, die sich auf ihrem Tisch stapeln. „Ich kann selbst über meine Zeit und Bedürfnisse bestimmen. Wenn ich um 12 Uhr keinen Hunger habe, kann ich auch um14 Uhr essen. Oder gar nicht. Und Wunschessen gibt es auch: Als ich an einem Tag aufgrund akuter Beschwerden meinte, gar nichts herunterzubekommen, schlug die Köchin vor, Rührei zu machen – das war die Idee des Jahres!“

Auch darüber hinaus schwärmt Kandora vom Hospiz und der professionellen Betreuung: „Hier haben die Schwestern den Dreh raus. Sie helfen, wenn sie merken, dass ich etwas nicht kann. Alle sind sehr freundlich und es ist auch spätabends und nachts ein Kümmern da – das ist eine ganz andere Haltung als in einem Heim, wo das Personal seiner Arbeit kaum hinterherkommt und im Stress ist. Ich fühle mich in diesem Rahmen würdevoll aufgehoben.“ Dazu gehöre auch die Sicherheit des Personals bei alltäglichen Anwendungen wie einem Verbandwechsel: „Hier sind sie in zehn Minuten fertig, das sitzt, passt, wackelt und hat Luft!“

Seit drei Wochen ist die dreifache Mutter im Hospiz am Stadtwald. Ihre beiden älteren Kinder, die 30-jährige Sarah und der 23-jährige Simon, haben Urlaub genommen, bewohnen ihr Haus außerhalb Uelzens und besuchen sie täglich. „Nach dem Tod meines Mannes sind wir als Familie sehr eng zusammengerückt. Es gibt kein Tabus, wir sprechen über alles. Es freut mich, wenn sie von ihren gemeinsamen Ausflügen ins Nachtleben oder von der Arbeit erzählen und wenn ich zum Beispiel bei Simon sehe, wie er nach jeder Montage ein Stück selbstständiger wirkt.“ Simon, berichtet Kandora weiter, ist Anlagenmonteur, Sarah Kinderkrankenschwester in der Berliner Charité, Janosch (21) studiert an der Ostfalia in Suderburg Handel und Logistik und kommt ebenfalls fast täglich vorbei. „Für ihn wäre ich besonders gerne noch länger da. Ihm bleibt einfach nichts erspart, hat mit 17 den Vater verloren und könnte seine Mutter sicher noch eine Weile gebrauchen. Allein deswegen hätte ich gerne noch länger gelebt. Aber er hat jetzt eine Freundin, die wird ihm auch das ein oder andere Mal die Ohren lang ziehen.“

Kernige Sprüche und immer wieder ein fast glückliches Lächeln: Wie geht das – mit der Aussicht bald zu sterben und ganz offensichtlich geschwächt und gehandicapt? Kandora zögert keine Sekunde: „So bin ich! Was soll ich mich heute schon ins Bett legen und sterben, wenn ich dafür noch ein paar Wochen oder Monate Zeit habe? Ich genieße jeden Tag, der kommt. Heute ist eine große Untersuchung in Celle und ein bisschen hoffe ich darauf, dass es danach die eine heilende Pille für mich gibt. Aber ich leide nicht. Mit dem Leben habe ich schon länger abgeschlossen, manche Dinge muss man einfach so hinnehmen.“

Eine Sache gefällt Kandora aber gar nicht mehr: Telefonieren. Weil sie die ewig gleiche Frage von Bekannten Leid ist: „Was soll ein Krebspatient im Endstadium dazu sagen, wie es ihm geht? Die sollten mal kapiert haben, dass ich härter bin im Nehmen, als sie denken!“ Immer wieder hat Christine Kandora Schmerzen, sie wird deswegen unter anderem mit Morphium behandelt. Sie spricht von einem „wunderbaren Pflästerchen“.

Aber Angst vor dem Ende hat sie nicht, und ihre Vorstellung davon beschreibt sie wie folgt: „Das Bauchfell umschließt ja die Organe, habe ich gelernt. Der Krebs wird sie irgendwann angreifen. Ich nehme an, dass ich dann verblute. Vielleicht falle ich in Ohnmacht.“ Ihr Rat für Menschen in vergleichbaren Situationen: „Stell dich nicht so an!“ Es gelte der Spruch: „Hinfallen, Krönchen aufsetzten, weiterlaufen!“

Auch Christine Kandora selbst steht nach dem Gespräch auf und geht mit dem Rollator von ihrem Zimmer runter zum Speisesaal im Erdgeschoss. Sie sagt: „Jetzt habe ich Lust auf einen Kaffee!“

Von Steffen Kahl

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