Expertin erklärt, wie depressiven Familienmitgliedern oder Freunden geholfen werden kann

Gut gemeinte Ratschläge helfen nicht

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Depression ist eine Erkrankung, unter der nicht nur die Betroffenen leiden, sondern auch ihre Angehörigen. Die fühlen sich oft hilflos und sind unsicher, wie sie helfen können.

Uelzen. Leere. Müdigkeit. Hoffnungslosigkeit. Und immer wieder zwanghafte, düstere Gedanken. Der Kopf gibt keine Ruhe. Selbst das Aufstehen wird zum schier unüberwindbaren Hindernis. Wofür? Das alles macht doch sowieso keinen Sinn.

Menschen, die unter Depressionen leiden, verstehen meist selbst nicht, warum sie fühlen, wie sie fühlen. Warum Kleinigkeiten wie ein Spaziergang, Wäsche waschen oder das Bezahlen einer Rechnung unlösbare Aufgaben darstellen. Genauso leiden die Menschen, die den Betroffenen nahe stehen. „Für mich ist es sehr schwer, zu verstehen, warum meine Tochter einfache Dinge nicht tun kann“, versucht eine Frau zu erklären. „Und wenn sie weint, fühle ich mich traurig und hilflos.“

Damit ist sie nicht alleine, wie sich jetzt beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Uelzen zeigte. Der hatte zusammen mit der AOK zu einem Vortrag darüber eingeladen, wie man auf das veränderte Verhalten von depressiven Menschen reagieren sollte und ihnen als nahestehende Person helfen kann. Die Referentin Anke Saß, Diplom-Pflegewirtin und Fachkrankenschwester in der Psychiatrie, spricht zu den rund 50 Anwesenden nicht nur als Expertin, sondern auch als Betroffene. „Ich habe meinen Mann bei einem Autounfall verloren“, berichtet sie. „Meine Tochter war schwer verletzt. Dann bin ich depressiv geworden.“ Heute gehe es ihr besser, doch ihre Tochter leide bis heute.

Darum kennt Anke Saß sowohl die Seite der Betroffenen als auch die der Angehörigen. Sie weiß: „Gut gemeinte Ratschläge helfen nicht weiter“, denn die würden von depressiven Menschen oft wie Schläge wahrgenommen. Betroffene seien besonders verletzlich und würden sich ohnehin für ihre Erkrankung – denn nichts anderes ist eine Depression – schämen. Wärme, Einfühlungsvermögen und Geduld seien das Geheimrezept.

Das Wichtigste sei, für die Betroffenen da zu sein. „Anhaltendes Klagen ist Ausdruck ihrer Verzweiflung und eine Möglichkeit, sich zu entlasten.“ Viele bräuchten in solchen Momenten einfach jemanden, der ihnen zuhört.

Weil depressive Menschen kaum bis gar keine Freude mehr empfinden, müsse man ihnen stellvertretend wieder Hoffnung geben. So kann man auf Sätze wie „Ich mache alles falsch“ und „Alles ist schlecht“ mit „Du hast auch schon vieles gut gemacht“ und „Es gibt auch viel Schönes in der Welt“ antworten.

Aktivität ist der Schlüssel, den Teufelskreis einer Depression zu durchbrechen, doch gerade das fällt Betroffenen so schwer. Weil ihnen nichts wirklich Freude bereitet, können sie mit freier, unstrukturierter Zeit nicht gut umgehen. „Man kann ihnen kleine Aufgaben geben oder gemeinsame Aktivitäten planen“, rät Saß. Wichtig sei es dabei, sie nicht zu überfordern und kleine Schritte zu gehen. „Es geht darum, für die Betroffenen da zu sein, aber sie nicht unter Druck zu setzen.“

Angehörige können dabei selbst an ihre Grenzen stoßen. „Es ist wichtig, auf sich selbst zu achten“, betont Anke Saß. Darum sei eine Mischung aus Nähe und Distanz für beide Seiten wichtig.

Die Selbsthilfegruppe „Rainbow“ für Menschen mit Depressionen trifft sich einmal im Monat beim Paritätischen in Uelzen. Eine Gruppe für Angehörige depressiver Menschen kommt einmal im Monat beim sozialpsychiatrischen Dienst zusammen.

Von Sandra Hackenberg

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