Premiere der neuen Stadtführung durch das Uelzen der 30er und 40er Jahre

Gegen das Vergessen

Abschluss-Station beim Stadtrundgang „Wege gegen das Vergessen“: Das Mahnmal für die Opfer des Faschismus am Neuen Rathaus, das der Ebstorfer Künstler Klas Tilly gestaltet hat. Fotos: Köhler-Götze

Uelzen. Die geschichtlichen Stadtrundgänge, die in der Stadt Uelzen angeboten werden, sind mit schöner Regelmäßigkeit ausgebucht.

Eher wenig erfährt man bei diesen Führungen über die Zeit zwischen 1933 und 1945 – ein Umstand, dem die am vergangenen Sonntag erstmals angebotene Führung „Wege gegen das Vergessen“ abhelfen möchte.

Das Uelzener Bündnis gegen Rechts hatte zum Rundgang über zehn Stationen geladen. Er begann am Hammersteinplatz, wo das ehemalige Gewerkschaftshaus stand und wo bereits im September 1930 mit der „Möbelwagenschlacht“ eine Straßenschlacht tobte, als mit Dachlatten bewaffnete Nazis provozierend mit einem Wahlkampfwagen der NSDAP vorbeizogen und von Arbeitern angegriffen wurden. 17 Arbeiter – keineswegs nur Kommunisten – wurden in der Folge zu Haftstrafen bis zu acht Monaten verurteilt.

Der polnische Zwangsarbeiter Heinrich Wiesczerczynski wurde 1943 in der Nähe dieser Stelle in den Ilmenauwiesen gehängt.

An der Ecke Gudesstraße/Ilmenauufer erfuhren die Teilnehmer des Rundganges, was polnischen Zwangsarbeitern blühte, die den Fehler begingen, sich mit ihren deutschen Kollegen zu streiten. Heinrich Wiesczerczynski, polnischer Zwangsarbeiter, arbeitete bei der Reichsbahn und geriet im Oktober 1942 in eine Rangelei mit seinem volksdeutschen Arbeitskollegen Arthur Bauer. Auf Anzeige des damaligen Bürgermeisters Farina kam Heinrich in monatelange „Schutzhaft“ bei der Gestapo. Die Gestapo beantragte eine „Sonderbehandlung“ Heinrichs. Mit anderen Worten: Er sollte hingerichtet werden. Parallel zu diesem Antrag wurde von der Gestapo aber auch die „Eindeutschungsfähigkeit“ Heinrichs geprüft, damit man nicht aus Versehen einen Arier hängte. Arische Vorfahren aber hatte Heinrich nicht zu bieten. Er wurde am 15.1.1943 vor polnischen Zwangsarbeitern zur Abschreckung in den Ilmenauwiesen gehängt.

Gut dokumentiert sind die Schicksale jüdischer Mitbürger, die an mehreren Erinnerungsorten vorgestellt wurden. Weniger bekannt ist, wie das „Führerprinzip“ auch auf der Ebene der Gemeinden durchgesetzt wurde, dargestellt am Beispiel Farinas beim Alten Rathaus.

Und auch Schicksale wie das des Uelzener Tierarztes Dr. Rudolf Becker, weder Jude noch Linker, ließen die Zuhörer fassungslos über den Naziterror zurück.

Die Führung wird in unregelmäßigen Abständen wiederholt und aus den Texten, die an den einzelnen Stationen vorgetragen werden, soll eine Broschüre entstehen, die auch im Geschichtsunterricht an Schulen eingesetzt werden kann.

Von Jürgen Köhler-Götze

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