Kampf mit dem inneren Schweinehund: Lüneburger Wissenschaftler entwickeln Online-Training

Mit SMS gegen die Aufschieberitis

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Unangenehme Aufgaben werden gerne aufgeschoben. Mit Hilfe des in Lüneburg entwickelten Online-Trainings und zusätzlicher SMS sollen Betroffene den inneren Schweinehund in den Griff bekommen.

Lüneburg. Morgen ist auch noch einen Tag, denkt so mancher Zeitgenosse. So bleibt die fällige Steuererklärung liegen, der Haufen mit der Bügelwäsche quillt über, und die Garage müsste auch schon lange aufgeräumt werden.

Marcus Eckert

Die Aufschieberitis, wissenschaftlich Prokrastination genannt, macht das Leben schwer, kostet die Wirtschaft bares Geld und kann auch der Gesundheit schaden, wenn Diäten, Sport oder Entspannung unterbleiben. Jeder Fünfte leidet unter dieser Krankheit. Marcus Eckert von der Leuphana-Universität Lüneburg hat ein Online-Training für alle entwickelt, die im neuen Jahr den inneren Schweinehund in den Griff bekommen wollen.

Wie sich das Unerledigte von Tag zu Tag ansammelt, das kennt der 40-jährige Psychologe auch aus eigener Erfahrung. „Zu Hause habe ich meine Frau, die mir sagt: Das Arbeitszimmer muss aufgeräumt werden. Die Steuererklärung muss gemacht werden“, erzählt Eckert. „Da habe ich eine Antreiberin.“

Nun ist der Lüneburger vielleicht nicht der typische Fall. „Ich nehme mir immer zu viel vor“, berichtet Eckert. Und räumt gleich mit einem Vorurteil auf. Denn es geht ihm mitnichten darum, die Nutzer seines Trainings zu immer mehr Leistung anzutreiben. Worauf es ankommt, das ist für den Psychologen die bewusste Entscheidung für oder gegen eine Aufgabe. In dem zweiwöchigen Training im Internet lernen die Teilnehmer deshalb, täglich aus dem vielen, was ansteht, eine Aufgabe auszuwählen, und zu planen, was zur Umsetzung notwendig ist.

Schwieriger ist es, wenn das, was liegen bleibt, mit Unlust oder Ängsten besetzt ist, etwa ein schwieriges Telefonat. Die Mechanismen kennt jeder. Um der ungeliebten Aufgabe zu entkommen, setzt man sich vor den Fernseher, telefoniert oder entdeckt vielleicht sogar den Abwasch. Hier setzen die Psychologen an, indem sie die Teilnehmer anhalten, auch einer unangenehmen Aufgabe etwas Positives abzugewinnen. „Ich mache mir einen Sport daraus, Quittungen zu finden, um mehr vom Finanzamt zurückzubekommen“, gibt Eckert ein Beispiel.

In dem zweiwöchigen Online-Training, das der Verein für Innovation und Qualitätssicherung in der psychosozialen Versorgung unter der Internetadressse www.training-aufschieberitis.com zum Selbstkostenpreis anbietet, lernen die Teilnehmer, ihren Tag zu planen, sich zu motivieren, Hindernisse zu überwinden und die eigenen Erfolge zu bewerten. Fünf bis zehn Minuten täglich reichen nach Eckerts Angaben aus. Zusätzlich unterstützt das Training im Kampf gegen den inneren Schweinehund mit täglich zwei bis drei Mini-Übungen per SMS.

Die Unterstützung über das Handy hat den Erfolg laut einer Studie mit 124 Teilnehmern noch einmal deutlich erhöht. Die persönliche Strategie gegen die Aufschieberitis kann ganz unterschiedlich aussehen, berichtet Eckert: „Es gibt Leute mit Befürchtungen, da hilft Entspannung. andere setzen sich Termine.“

Einen guten Vorsatz hat Marcus Eckert auch für das neue Jahr: „Ich will mir nicht mehr so viel vornehmen.“

Von Gerhard Sternitzke

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