Nach Unfall vom Mittwoch: Uelzener Fahrlehrer schlägt neue Grünregelung vor

Die Gefahr des toten Winkels

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Gefährlicher toter Winkel, mit einem gelben Klebestrefen markiert: Der Radfahrer ist für den Lkw-Fahrer nicht sichtbar.
  • vonJens Schopp
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Uelzen. Fahrlehrer Joachim Hess passierte im Rahmen einer Prüfungsfahrt Mittwochnachmittag kurz nach dem schlimmen Unfall den Unglücksort. Auf der Kreuzung Veerßer/Soltauer Straße war eine 16 Jahre alte Jugendliche unter die Räder eines Sattelschleppers geraten und lebensgefährlich verletzt worden.

Der Schwerlaster war rechts von der Veerßer in die Soltauer Straße abgebogen. Die Jugendliche fuhr auf dem parallel zur Veerßer Straße führenden Radweg.

Da seien dem Vorsitzenden der Kreisgruppe Uelzen im Fahrlehrerverband Niedersachsen zwei ebenso schlimme Unfälle wieder in den Sinn gekommen. „An der Ecke Oldenstädter Straße/Ostring und an der Hambrocker Straße sind vor Jahren zwei Radfahrer ebenfalls schrecklich verunglückt“, so Joachim Hess. Unabhängig zum konkreten Verlauf des Unfalls sagt Hess: „Vielleicht wäre zu überlegen, dass der Kraftverkehr an Kreuzungen komplett gestoppt wird und Radfahrer und Fußgänger aus allen vier Richtungen auf der Kreuzung Grünlicht bekommen.“

Im konkreten Fall am Mittwoch hatten sowohl Radlerin als auch der 53 Jahre Lkw-Fahrer aus Bulgarien grünes Licht. „Als Radfahrer sollte man sich auf keinen Fall auf Grün verlassen, wenn man Straßen kreuzt“, rät Hess. Obwohl er die genauen Umstände nicht kenne, hätte der Lkw-Fahrer die junge Frau auf dem Radweg eigentlich sehen müssen, mutmaßt Hess.

Das ist der Bereich, der vom Fahrer trotz Spiegel nicht eingesehen werden kann. Seit knapp zehn Jahren seien Zusatzspiegel an der Beifahrerseite von schweren Lkw in der EU Pflicht. Sie sollen das indirekte Sichtfeld des Fahrers vergrößern. Dennoch: die Gefahr bleibt.

Trotz der vorgeschriebenen Zusatzspiegel an Lkw sei vor allem bei Sattelschleppern der tote Winkel eine große Gefahr, berichtet Antje Freudenberg, Sprecherin der Polizeiinspektion Lüneburg, aus Anlass der schweren Verletzungen der Radfahrerin am Mittwoch: „Oft meinen Radfahrer oder Fußgänger, dass der Fahrer eines Lkw sie beim Rechtsabbiegen doch sehen müsse – aber der tote Winkel ist viel größer als die meisten glauben.“ 

Nach wie vor gehe man bei der Polizei davon aus, dass der Lkw-Fahrer die 16-Jährige beim Abbiegen übersehen habe. Bei der Unfallaufnahme hätten die Beamten keine Mängel an dem Sattelschlepper aus Bulgarien festgestellt. Jedenfalls sei im Bericht nichts dergleichen vermerkt, so Freudenberg. Derweil ist die junge Frau gestern in eine Hamburger Unfallklinik verlegt worden, so die Polizei. Ob weiterhin Lebensgefahr bestehe, konnte Freudenberg gestern nicht sagen. 

Der Unfall ist für den Vorsitzenden der Kreisgruppe Uelzen des Fahrlehrerverbandes eine Bestätigung dafür, dass die Autobahn 39 von Wolfsburg nach Lüneburg durch den Landkreis gebaut werden müsse. „Es fahren zu viele Lkw durch unser Kreisgebiet“, sagt Joachim Hess. Aufgrund ihrer Größe und ihres Gewichtes stellen sie eine viel höhere Gefahr als Pkw dar, weiß Hess, der selbst Lkw-Fahrer ausbildet.

Fahrer, die im gewerblichen Güterverkehr unterwegs sind, brauchen seit 2009 eine Grundqualifikation. Die Prüfungen werden bei der IHK abgenommen, so schreibt es das Berufskraftfahrer-Qualifikations-Gesetz vor. Die deutsche Vorschrift fußt auf europäischem Recht, sodass auch Lkw-Fahrer aus anderen EU-Ländern, dazu zählt auch Bulgarien, eine Qualifikation benötigen. Alle fünf Jahre sei die entsprechende Weiterbildung zu wiederholen, weiß der Oldenstädter Fahrlehrer Joachim Hess. Die Führerscheine seien somit befristet.

Von Jens Schopp

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