33 Geburten in elf Tagen: Im Klinikum arbeiten die Geburtshilfe und Neonatologie eng zusammen

Zu Gast beim Frühchen

Heute ist Frederik eine Woche lang auf der Welt. Die ersten Tage erlebte der Kleine auf der Frühchenstation. Mit Hebamme Annika Menklein und Kinderarzt Dr. Swen Geerken ist er deshalb schon gut bekannt. Fotos: Ph. Schulze

Uelzen. Frederik blinzelt dem Fotoapparat entgegen. Angestrengt versucht er seine blauen Augen zu öffnen, während er seine Wange an den Arm der Hebamme Annika Menklein schmiegt. Der Junge ist heute sieben Tage alt. In der 37.

Schwangerschaftswoche ist er zur Welt gekommen und hat deshalb seine ersten Lebenstage auf der Frühchen-Station im Klinikum Uelzen verbracht, immer in der Nähe seiner erschöpften, aber strahlenden Eltern Sandra und Florian Ohst. Der eigentliche Geburtstermin von Frederik war auf den 7. Juli datiert.

Neugeborene ab der 32. Schwangerschaftswoche oder ab einem Gewicht von 1500 Gramm werden auf der Frühchen-Station des Klinikums Uelzen behandelt. „Vor sechs Jahren ging das noch nicht“, berichtet Dr. med. Swen Geerken, Facharzt für Kinderheilkunde und Jugendmedizin und Neonatologie. Da mussten sie nach Hamburg oder Hannover gefahren oder geflogen werden.

Mit der Neonatologie, die Intensivstation für Neugeborene, wird jede Auffälligkeit eines Babys nach der Geburt untersucht, vor allem kranke Säuglinge und Frühgeborene – wie an den ersten Tagen Frederik. Die Atmung und die Herzfrequenz werden vorsichtshalber beobachtet.

Acht Plätze gibt es in der Abteilung für Neu- und Frühgeborene. In diesem Monat stand das Personal ganz schön unter Druck: Innerhalb von elf Tagen zählten sie 33 Geburten. An einem der Tage mussten Chefarzt Dr. Peter Schneider und sein Team aus der Abteilung für Gynäkologie und Geburtenhilfe etwa drei Kaiserschnitte machen, fünf Hebammen waren dafür im Einsatz. Als Frederik zur Welt kommt, hat er die Wochen-Station aber schon bald für sich allein.

„Alle zwei Wochen kommt jemand mit einem Kind, weil es vom Wickeltisch gestürzt ist“, berichtet Geerken, als er Annika Menklein beim Wickeln über die Schulter schaut und Frederik das Gesicht verzieht und mit seiner dünnen Stimme zum Ausdruck bringt, dass das Anlegen einer neuen Windel nicht zu seinem Lieblings-Programm gehört. „Ich wollte nur mal schnell…“, würden dann die Eltern erklären, so der Arzt, aber man müsse immer damit rechnen, dass das Kind sich plötzlich bewegt. Und dann hoffen die Eltern darauf, dass ihnen nach einer einzelnen Untersuchung jede Sorge genommen werden könne. „Aber das reicht nicht, es muss eine Verlaufuntersuchung gemacht werden“, weiß der Mediziner.

In diesem Jahr wurden bislang rund 250 Babys im Klinikum geboren, 2011 waren es insgesamt 560. Deutschlandweit werden pro Jahr rund 650 000 bis 670 000 Kinder entbunden, darunter sind 50 000 Frühgeburten. Die ganz kleinen Neugeborenen kommen zunächst in einen Inkubator, ein Bettchen unter Glas, in dem die Temperatur ständig bei 35 Grad gehalten wird und selbst die Mediziner das Kind nur durch zwei Öffnungen anfassen und bewegen.

„Der beste Transport-Inkubator für die Jüngsten ist die Mutter“, erläutert Geerken. Soweit es möglich ist, werden also Mütter, die vor der 32. Woche entbinden müssen, vor der Geburt in die nächste Klinik gebracht, in der die ganz jungen Frühchen untersucht werden können.

Die neun freiberuflichen Hebammen und die Ärzte der Geburtshilfe sowie das Team von Geerkens Station erleben bei ihrer Arbeit nicht immer nur die schönsten Momente des Lebens. Im März zum Beispiel sei es in einem Fall nicht mehr möglich gewesen, eine hochschwangere Frau zur Medizinischen Hochschule Hannover oder zum Krankenhaus in Hamburg-Altona zu bringen. Da mussten die Ärzte des Uelzener Klinikums in der 25. Schwangerschaftswoche das 460 Gramm leichte Neugeborene per Kaiserschnitt holen und in Uelzen erstversorgen. Anschließend wurde es zu den Kollegen in die Großstadt transportiert. Doch das Neugeborene hatte schon vor der Geburt eine Darmerkrankung, mit der es nicht überleben konnte. Und Geerkens zieht einen Vergleich zum bundesweiten Durchschnitt: Von etwa 3000 jährlich versterbenden Babys überstehe die Hälfte schon die ersten 28 Lebenstage nicht. „Im Jahr 1900 lag die Kindersterblichkeitsrate noch bei 25 Prozent“, resümiert er. Und: „Das beste, was man machen kann, ist stillen.“ Darum gibt es auf der Wochenstation Stillberaterinnen. Seit zehn bis 15 Jahren gehe der Stilltrend wieder nach oben. „Stillen war lange out“, sagt Menklein, während sie Frederiks Strampler zuknöpft, „die Flasche war in, weil es so einfach ist.“

Von Diane Baatani

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