Uelzener Patienten schauen lieber fern: Sendeschluss für ältestes Krankenhaus-Radio Deutschlands

Funkstille nach 52 Jahren

+
Tapfer ziehen die ehrenamtlichen Moderatoren des Krankenhausfunks im Helios Klinikum die letzte Sendung durch. Währenddessen packen sie schon die CDs zusammen.

Uelzen. Die Buggles wussten es bereits 1980: „Video Killed the Radio Star, und vermutlich hat der im Januar vorigen Jahres verstorbene Mitbegründer Hans-Joachim Bernau den Titel auch in einer seiner Sendungen gespielt. Denn den Uelzener Krankenhausfunk gab es seit 1966.

Damit war er der älteste noch aktive Krankenhausfunk in Deutschland. Jetzt ist Sendeschluss.

Aufzuhören fällt den verbliebenen acht ehrenamtlichen Moderatoren nicht leicht, einige von ihnen sind seit über 20 Jahren dabei. Und selbst bei ihrer letzten Sendung ist da noch Hoffnung. „Das wäre der Hammer, wenn heute jemand anruft“, hofft Karsten Suhrmüller. Denn jeden Dienstagabend gibt es ein Rätsel. Die Zuhörer sollen erraten, wer das Lied singt, das anschließend gespielt wird. Wer zuerst die richtige Lösung nennt, bekommt ein kleines Geschenk. „Die Rätsel sind wirklich einfach“, versichert Edeltraud Förstel. „Doch seit Monaten hat niemand mehr angerufen.“

Die Hobby-Moderatoren glauben, dass das nicht daran liegt, dass die Rätsel zu schwer sind. Sie befürchten, dass einfach niemand mehr zuhört. „Vor jeder Sendung gehen wir von Zimmer zu Zimmer, stellen uns vor und fragen, ob jemand einen Liedwunsch hat oder jemanden grüßen möchte“, erklärt Edeltraud Förstel. „Dann bekommen wir immer die Antwort: ‘Wir wollen das nicht, wir brauchen das nicht’“. Das liege vor allem an den Fernsehern, mit denen derzeit alle Patientenzimmer im Helios Klinikum ausgestattet werden. „Das war schon frustrierend“, sagt Edeltraud Förstel traurig. „Da hadert man und fragt sich irgendwann: Für wen macht man das alles überhaupt?“

Nun sind die Tage des Krankenhausfunks gezählt. In einer Welt voller Fernseher und Smartphones ist er ein Relikt gewesen – das den Patienten aber etwas geboten hat, das sie aus dem Fernseher nicht bekommen: Informationen aus Uelzen und Umgebung. „Wir unterhalten uns darüber, was so los ist“, erzählt Edeltraud Förstel, „damit die Patienten wissen, was draußen passiert und wo sie hingehen können, wenn sie das Krankenhaus wieder verlassen.“ Außerdem liefern die Moderatoren Nachrichten zu aktuellen Themen. So erzählt Michael Brandt, der aus der Nähe von Bremen kommt, wie die aktuelle Lage beim Moorbrand in Meppen ist und wieso es so schwierig ist, das Feuer zu löschen.

Florian Groß ist beim DRK und berichtet, wie er und seine Kollegen das Hansefest abgesichert haben und dass es keine Zwischenfälle gab. Und Gunda Suhr, die vor ein paar Monaten dazugekommen ist, macht sich über die Geschehnisse im Hambacher Forst Gedanken. Danach spielt sie, passend zum Thema, „Mein Freund, der Baum“ von Alexandra.

Während ein Teil der Radiomacher versucht, die letzte Sendung so normal wie möglich verlaufen zu lassen, packt der andere schon hunderte CDs und Geschenke, die für die Patienten gedacht waren – Mocek-Messer, Handyhüllen, Regenschirme – in Kisten. „Wir müssen heute Abend alles abbauen und mitnehmen“, erklärt Edeltraud Förstel. Mancher nimmt ein oder zwei Lieblings-CDs als Erinnerung mit nach Hause, der Rest wird an den Bücherbus und die Stadtbücherei gespendet.

Ein letztes Mal schwelgen sie in Erinnerungen. „Einmal habe ich eine Sendung gemacht, bei der drei Frauen, die auf demselben Zimmer waren, immer wieder angerufen und sich Lieder gewünscht haben“, erzählt Carmen Groß. „Anschließend haben sie sich bedankt. Das war meine schönste Sendung.“

Und dann ist er gekommen, der Moment, von dem sich die Mitglieder bis zuletzt gewünscht haben, dass er nie kommt. Sie erklären, dass es die letzte Sendung ist. Ob jemand zuhört, wissen sie nicht. Das letzte Lied ist „Time to Say Goodbye“ von Sarah Brightman und Andrea Boccelli. Und bei dem ein oder anderen rollt nun doch ein Tränchen.

Doch eine letzte schöne Erinnerung bleibt ihnen noch: Als sie schon nicht mehr damit rechnen, ruft tatsächlich eine Patientin an, die den Krankenhausfunk aus einem Aufenthalt im vergangenen Jahr kannte, und löst das Musik-Rätsel: Vicky Leandros. Carmen Groß und ihr Sohn Florian gehen zu ihr aufs Zimmer und überreichen ihr ein letztes Mal einen Präsentkorb.

Von Sandra Hackenberg

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare