Ministeriumsentwurf für Förderrichtlinie sorgt für Kritik von Frauenhäusern

Kritik auch aus Uelzens Frauenhaus: „Weit von der Realität entfernt“

Eine Frau sitzt in einem Raum eines Frauenhauses an einem Schreibtisch
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Frauenhäuser bieten Opfern von Gewalt Sicherheit. Ein Entwurf des niedersächsischen Sozialministeriums für eine neue Förderrichtlinie sorgt jetzt für Kritik der Landesarbeitsgemeinschaft der autonomen Frauenhäuser.
  • Lars Lohmann
    VonLars Lohmann
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Wer in einem Frauenhaus Schutz sucht, ist zu Hause massiv von Gewalt betroffen. Damit ein Frauenhaus existieren kann, braucht es finanzielle Unterstützung. Ein Großteil kommt von den Kommunen, aber auch das Land schießt jährlich fünf Millionen Euro hinzu. Das niedersächsische Sozialministerium überarbeitet zurzeit die Förderrichtlinien und hat damit die autonomen Frauenhäuser in Aufruhr versetzt – auch in Uelzen.

Hauptkritikpunkt: Hilfesuchende Frauen sollen möglichst nach nur drei Monaten das Frauenhaus wieder verlassen, heißt es im Entwurf für die neue Richtlinie. „Nach drei Monaten bist du wieder raus. Was ist das für eine Botschaft an Frauen, die Hilfe suchen?“, kritisiert Britta Hönig vom Uelzener Frauenhaus. Diese Zeit reiche nicht aus, um sich umfassend um die Frauen kümmern zu können. „Sie brauchen nicht nur eine neue Bleibe für sich und ihre Kinder, sondern auch Hilfe, um das Erlebte zu verarbeiten. Das ist in drei Monaten einfach nicht möglich“, erklärt Britta Hönig.

Sie könne nicht nachvollziehen, warum das Land jetzt, nachdem die häusliche Gewalt im Zuge von Corona noch einmal stark zugenommen habe, zusätzlich so eine an der Wirklichkeit vorbeigehende Richtlinie entwerfe. Strafprozesse oder Sorgerechtsfälle ziehen sich oft länger als drei Monate hin. „Der Entwurf ist weit von

der Realität entfernt“, sagt Britta Hönig. Bei vielen Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt wurden, sei es ein langwieriger Prozess, das Geschehene aufzuarbeiten. Außerdem würden alleine für die notwendigen Behördengänge mehrere Wochen vergehen.

Doch nicht nur die geplante Verweildauer von drei Monaten sorgt bei ihr für Irritationen, sondern auch der im Entwurf vorgesehene Betreuungsschlüssel von einer Mitarbeiterin für acht Frauen. „Dann können wir die Frauen nur noch oberflächlich begleiten und die Gefahr wird größer, dass die Frauen wieder in ihr gewalttätiges Umfeld zurückkehren, weil sie nicht genügend Hilfe bekommen haben“, warnt Britta Hönig. Außerdem werde dabei auch außer Acht gelassen, dass die Kinder betreut werden müssen, die oft selbst Gewalt miterlebt haben.

Erschwerend kommt ein eigentlich gut gemeinter Passus im Entwurf hinzu, der jeder Frau und ihren Kindern ein eigenes Zimmer im Frauenhaus zuspricht. Das ist laut Britta Hönig im Uelzener Frauenhaus mit zehn Plätzen zurzeit nicht möglich. „Es gibt zwar Bestandsschutz, aber die Frage ist, wie lange gilt dieser. Außerdem wäre es extrem schwierig, ein Haus mit zehn Zimmern für die Frauen zu finden und zu finanzieren“, sagt sie. Konsequenz könnte am Ende sein, das dringend benötigte Plätze wegfallen.

„Durch Corona haben wir einen massiven Anstieg an Fällen, auch die Schwere der Gewalt hat zugenommen. Gleichzeitig ist es auch schwerer geworden, Wohnungen zu mieten“, berichtet Britta Hönig. Immer mehr Frauen suchten Hilfe beim Frauenhaus sowie in der Beratungs- und Interventionsstelle für Frauen zum Gewaltschutzgesetz (BISS) in Uelzen.

Die Sozialarbeiterin hätte sich gewünscht, dass das Land vor dem Entwurf der Richtlinien mit den Frauenhäusern das Gespräch gesucht hätte und nicht nur kurzfristig informiert. „Corona hat das sicherlich verzögert, aber es hätte auch andere Möglichkeiten gegeben“, meint Britta Hönig. Sie hätte sich vom niedersächsischen Sozialministerium erhofft, dass „sie einfach mal fragen, was die Frauenhäuser jetzt brauchen.“

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