Zwischen Heringssalat und Schildkrötpuppen – Kriegskinder erinnern sich an Weihnachten

Ein Fest der Dankbarkeit

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Was es bedeutet, behütet und sorglos, ganz vertraut im Kreis der Familie Weihnachten feiern zu können, das weiß man vor allem dann zu schätzen, wenn es auch andere Zeiten gegeben hat.

Zeiten, in denen nichts sicher war, in denen Familien zerrissen wurden, in denen es kaum zu essen gab – geschweige denn einen fetten Festtagsbraten. Dr. Anita Stork, Lotte Krüger und Dieter Morawietz haben diese Zeiten erlebt. Sie sind Kriegskinder. Die drei erlebten als Vier- bis Sechsjährige Weihnachtsfeste in Zeiten, in denen man sich wohl nie zu träumen gewagt hätte, wie 50, 60 Jahre später an Weihnachten sein würde. Üppig, glitzernd, gewaltig, kommerziell. Die drei Kriegskinder erlebten damals bescheidene, ganz einfache Weihnachtsfeste. Feste, die – vielleicht gerade wegen dieser Einfachheit – einen unauslöschbaren Platz in den Erinnerungen eines Lebens eingenommen haben.

„Ich habe in diesem Moment nie den Wunsch gehabt, etwas zu haben – ich habe nur gestaunt.“

Dr. Anita Stork erinnert sich an drei wunderbare Weihnachtsfeste in ihrer Kindheit. Wunderbar deshalb, weil ihr heiß geliebter Vater sie damals in die Weihnachtsstube geführt hat, die bis zum Heiligen Abend streng unter Verschluss war. „Ich habe dann ein Gedicht aufgesagt“, lächelt die heute 71-Jährige, die aus Königsberg stammt, „ein Gedicht, nur für meinen Vater.“ Das Mädchen Anita sah ihren Vater nach diesen Weihnachtsfesten nie wieder. Er blieb im Krieg. Wie viel zu viele Väter in diesen Jahren.

Die Bevenserin weiß aber auch noch ganz genau, wie sie als Fünfjährige Weihnachten erlebte, nachdem sie mit ihrer Mutter und ihren drei Geschwistern als Flüchtlinge die Dachstube eines Pfarrers in Pattensen bezogen hatten. „’Du bist meine kleine Anuschka’ hat der Pfarrer damals zu mir gesagt, und ich durfte immer bei ihm unterm Schreibtisch sitzen“, lässt Anita Stork ihren Erinnerungen ihren Lauf. Der Dachboden, auf dem sie damals lebte, hing voller Früchte, zum Trocknen. Für jedes Kind lag ein Geschenk auf einem Tischchen bereit, über das ein Betttuch ausgebreitet war. Ein Bollerofen sorgte für Wärme und die Mutter hatte Pfefferkuchen und roten Heringssalat zubereitet.

Im Krippenspiel in der Kirche durfte die kleine Anita dann die Maria singen. „Es war alles sehr aufregend“, sagt Anita Storck, und sie weiß nicht, ob es damals die Kälte in der Kirche oder die Aufregung gewesen ist, die ihre Schwester plötzlich in Ohnmacht fielen ließ. Zurück im Pfarrhaus dann erwartete das Mädchen festlicher Glanz. „Da stand ein wunderschöner Weihnachtsbaum und die Tafel war weiß gedeckt. Ich habe in diesem Moment nie den Wunsch gehabt, etwas zu haben – ich habe nur gestaunt.“ In all dem Staunen wurde gesungen, jeder bekam vom Pfarrer eine Tüte mit Süßigkeiten. Und später dann, auf dem Dachboden, durfte die kleine Anita das Geschenk auswickeln, das ihre Mutter für sie bestimmt hatte: ein Holzspielzeug und eine Puppe. „Die habe ich damals mit ins Bett genommen“, schmunzelt die 71-Jährige, „damit die Mäuse sie nicht anknabbern.“

Hakenkreuze auf den Christbaumkugeln

Eine Puppe spielt auch eine große Rolle, wenn Lotte Krüger sich an Weihnachten in ihrer Kindheit erinnert. „Eine Bärbel mit diesen Ohrschnecken im Haar“, sagt die 72-Jährige. Doch ihre Schildkrötpuppe hatte bei einem Bombenangriff auf Hannover arge Schäden erlitten – mit einem Pflaster am Hinterkopf wurde alles zusammengehalten, so gut wie es eben ging. Bevor die kleine Lotte damals in die karge Weihnachtsstube gerufen wurde, durfte sie erst einmal zu einer Nachbarin in den vierten Stock hinauf gehen. Frau Pöppe. „Dort gab es einen geschmückten Baum und ein Klavier, auf dem ich herumklimpern durfte“, erinnert sie sich. Und sie weiß ganz genau, dass sie in Gedanken immer bei ihrer Bärbel war. Ob es wohl zu diesem Weihnachtsfest eine neue Puppe geben würde? Dann wurde das Kind in die Stube der Familie gerufen. Alles war recht karg. „Am Baum hingen so flach gedrückte Kugeln mit Motiven darauf“, sagt Lotte Krüger, „alles hat geblitzt und gefunkelt.“ Und dann saß da ihre Bärbel! Mit einem neuen Strick-Anzug und einer Mütze!

Das Funkeln und Strahlen des Christbaumes hat Lotte Krüger als Kind schwer beeindruckt. Ganz früh am Morgen ist sie deshalb an Weihnachten aufgestanden. Leise, damit die anderen nicht aufwachen. Und dann stand die kleine Lotte ganz allein vor dem geschmückten Weihnachtsbaum und bestaunte den festlichen Glanz. Erst viel später erfuhr sie, dass es sich bei den flach gedrückten Christbaumkugeln, die da so glanzvoll funkelten, um Kugeln handelte, auf denen SS-Runen und Hakenkreuze prangten. Ihr Bruder hatte es ihr damals irgendwann erklärt. „Meine Mutter hat damals alles getan, damit wir Kinder einen funkelnden Weihnachtsbaum hatten“, sagt Lotte Krüger nachdenklich.

„Lieber verhungern wir, als dass wir stehlen!“

Dieter Morawietz wurde in Stettin geboren. „Erinnerungen habe ich aus der Zeit, als ich so 3 bis 4 Jahre alt war“, sagt er. Die Flucht führte die Familie nach Isernhagen. „Wir wurden dort auf die Bauern verteilt“, erinnert sich Morawietz und er weiß es noch genau: „Es gab jeden Tag Steckrüben.“ Ein Gemüse, das vielen Kriegskindern von damals heute ein Gräuel ist. Auch Dieter Morawietz. Doch damals war das Essen knapp. Und die Stimmung vor Weihnachten wurde immer trüber, berichtet der heute 70-Jährige aus seiner Kindheit, denn an einen Braten war gar nicht zu denken. „Aber ich wusste von einer Kammer auf dem Bauernhof, die voller Würste hing.“ Und weil der Knirps damals seiner Oma, bei der er aufwuchs, eine Freude machen wollte, fasste er am 23. Dezember 1945 einen Entschluss: Er würde aus der verheißungsvollen Kammer eine Wurst stehlen.

Allein der Gedanke daran ließ ihm damals das Wasser im Munde zusammenlaufen, lächelt Dieter Morawietz. Schließlich war er als Vierjähriger im Leben nicht auf den Gedanken gekommen, dass die Oma auf geklaute Geschenke so gar keinen Wert legte. Der Junge schlich also in die Kammer, zog eine Wurst vom Haken und wickelte den deftigen Schmaus in Papier. Mit stolz geschwellter Brust überreichte ihn der Kleine dann am Heiligabend der Großmutter. Und die brach in unvergessliches Schimpfen aus: „Lieber verhungern wir, als dass wir stehlen!“, las sie dem kleinen Dieter streng die Leviten. Und der musste die Wurst zurückbringen. So kam zu Weihnachten – wie an jedem anderen Tag auch – ein Topf mit Steckrüben auf den Tisch. Doch der Bauer meinte es gut mit der Familie: Er schenkte ihr am Abend – eine Wurst. „Ehrlich währt eben doch am längsten“, hat Dieter Morawietz somit schon als kleiner Junge gelernt.

„Wichtig ist es, zur Ruhe zu kommen.“

In diesen Tagen, in denen einem allmählich festlich zumute wird, in denen hektisch Geschenke gekauft und haufenweise Schlemmereien für die Festtafel besorgt werden – in diesen Tagen besinnen sich Dr. Anita Stork, Lotte Krüger und Dieter Morawietz immer wieder auf die kleinen Dinge. So hat Lotte Krüger ihren klitzekleinen Weihnachtsmann aus Holz wieder in den Händen, der heute an die 70 Jahre alt sein dürfte. Das rote Männchen mit dem ernsten Blick und weißen Bart, das sie als Kind schon so geliebt hat, wurde über die Jahre gerettet. Und jedes Jahr findet es wieder einen Platz am Krügerschen Weihnachtsbaum. „Die Menschen müssen wieder mehr Dankbarkeit lernen“, findet Lotte Krüger.

Bei den Kriegskindern von damals gibt es auch heute noch ein schlichtes Essen zum Weihnachtsfest: Kartoffelsalat und Würstchen. Und natürlich den roten Heringssalat von einst. Lotte Krüger meint, dass man sich in diesen Tagen auch auf die Schlichtheit besinnen sollte. „Es sagt eben auch Geschichte, dass alles einfach gehalten ist“, sagt sie im Hinblick auf die Geburt Jesu. Essen und Geschenke seien deshalb nicht so wichtig, ergänzt Dr. Anita Stork. „Wichtig ist es zu Weihnachten, zur Ruhe zu kommen, vorzulesen, gemeinsam zu spielen.“ Auch wenn die Wunschzettel der Kinder von heute mittlerweile mehr als Bestellscheine daher kommen.

Die Kriegskinder von damals können jedenfalls nicht aus ihrer Haut: haufenweise Toilettenpapier zu kaufen und zu Hause zu bevorraten, Essensreste nur schweren Herzens wegwerfen zu können, bei jeder Feuerwehr-Sirene, die heutzutage mittags um 12 Uhr auf den Dörfern probeweise heult, zumsammenzuzucken oder einmal Erworbenes sorgsam zu pflegen und zu reparieren statt zu ersetzen – all diese Eigenschaften sind es, die sie prägen. „Man musste funktionieren, ohne lange nachzudenken“, sagen Stork, Krüger und Morawietz rückblickend – nicht nur auf ihre Kindheit, sondern auch auf ihr späteres Leben als junge Erwachsene.

Erst sehr spät – im Alter, mit dem Eintritt in den Ruhestand – haben sie gelernt, über ihr Erlebtes, ihr Leben, zu reden. Regelmäßig treffen sie sich deshalb seit 2006 in einem festen Kreis von 18 Kriegskindern (aus dem gesamten Landkreis und darüber hinaus) bei Dr. Anita Stork in Bad Bevensen. Zum Erzählen. Zum Erinnern. Und auch zum Weinen. „Wir erfahren dann, warum wir so merkwürdig sind“, fassen die Drei schmunzelnd und dennoch ernst zusammen. „Und das ist so tröstlich.“

Und doch wollen die Kriegskinder von einst sich nicht in ihrem Schicksal ergehen. „Man kann sich auch im Leid verlieren“, meint Lotte Krüger. Auch wenn noch längst nicht jeder in diesem Kreis seine persönliche Geschichte in voller Gänze erzählt hat, so wollen sich doch alle nicht mit dem Aufwärmen von Vergangenem befassen, sondern nach vorne blicken. Und das wird sicher noch ganz lange so sein, glaubt Dr. Anita Stork. „Denn weil wir inzwischen so viel voneinander wissen, können wir uns nicht mehr trennen. Und wenn man aufhört zu verdrängen, kommen auch schöne Erinnerungen wieder.“ Lotte Krüger findet schließlich diese so einfachen Worte, die so vieles ausdrücken: „Für uns ist Weihnachten das Fest der Dankbarkeit. Wir sind durch alle Gefahren gegangen und heute sind wir hier. Und uns geht es gut.“ Frohe Weihnachten.

Von Ines Bräutigam

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