Erinnerungen an heute

Ferien können nicht sterben

Selbst die, die mit Schule nichts mehr am Hut oder die Ferien noch vor sich haben, lassen sich anstecken von der Erkenntnis der niedersächsischen Gesellschaft: Die Ferienzeit ist zu Ende!

Das kollektive Feriengefühl eines Landes wird von der Schule bestimmt, also von Kindern und deren Lehrerinnen und Lehrern – und dies, obwohl Schüler und Lehrer in der deutlichen Minderzahl der arbeitenden Schichten der Bevölkerung sind.

Jetzt, nach den Ferien, können wir es mit den Ferien machen wie manche Formulierungen es mit den Wörtern in Todesanzeigen machen: Hadern, dass die Ferien vorbei sind. Oder uns freuen, dass wir sie hatten.

Ferienzeiten können wir nicht verlängern. Aber wir können Ferienempfindungen, das Erholsame des Tapetenwechsels, der meist mit Ferien verbunden ist, wieder holen durch Wiederholung, durch Erinnerung: Die äußeren Fotos oder innerlich gespeicherten Bilder von den Dünen, in denen wir lagen, von den Tälern, in die wir hinunterguckten oder von den Bergspitzen, zu denen wir hochblickten.

Äußere Filme auf Sticks oder innere Filme der Seele vom Paddeln auf Flüssen oder Segeln auf Meeren reaktivieren die Empfindungen, die uns eben noch am Urlaubsort füllten und erfüllten. Unsere Erinnerungs-Filme vom Draisine-Fahren auf stillen, weil stillgelegten Bahngleisen oder Grillen im eigenen Garten, von dem die Gäste sagen: Hier ließe sich bestens Urlaub machen (eine Idee, auf die die Nasen mancher Gastgeber erst durch ihre Gäste gestupst werden müssen), sind Trigger. Sie re-inszenieren, was gewesen war.

Wir können Lust am Hadern über gewesene Ferien pflegen, deprimiert feststellen: Sie sind vorbei, die Ferien, unwiderbringlich vorbei! Und das Gemeine: Die nächsten großen Ferien sind leider erst in den nächsten großen Ferien. Wir können es aber auch so machen wie die beliebteste Maus, Frederic. Der Frederic wurde dadurch berühmt, dass er seinen jammernden Mitmäusen im sonnen- und nahrungsarmen Winter empfahl, die Augen zu schließen und an die Sonne des Sommers und die überreiche Ernte zu denken.

Solche Erkenntnisse lassen sich auch wissenschaftlich ausdrücken: Jede Repetition früherer Reizketten produziert spiegelneuronal synchron die Vitalitätsaffekte, welche…okay, okay, ich hör’ schon auf…

…Es ist viel schöner, der wieder begonnenen Schul– und Arbeitszeit dafür zu danken, dass sie die Wahrnehmung von Urlaub (Erlauben, die Arbeit sein zu lassen) erst ermöglicht. Und es soll welche geben, die sich auf die Arbeit freuten…

Hans-Helmut Decker-Voigt ist Senior-Professor für Musikpsychotherapie der Musikhochschule Hamburg, arbeitet in Lehre und Forschung und als Schriftsteller, Prof. Dr. Decker-Voigt@t-online.de

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