Ein Leben in Quarantäne

Ein Familienvater berichtet der AZ vom Alltag in Zeiten von Corona

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Ein Corona-Verdacht bei Marcus Meier bestätigte sich nicht. Er und seine Familie müssen aber trotzdem bis zum 25. März in Quarantäne bleiben, da seine Tochter auf das Lüneburger Johanneum geht.

Uelzen/Lüneburg – Was sein erster Gedanke war, als er erfuhr, dass er und seine Familie in Quarantäne müssen, weiß Marcus Meier (Name von der Redaktion geändert) nicht mehr.

„Auf jeden Fall habe ich schnell überlegt, mit wem ich selber am Freitag und in den letzten Tagen noch alles Kontakt hatte“, erinnert er sich. Seit Sonnabend, 14 März, sitzt er mit Frau und zwei Kindern in häuslicher Quarantäne. Seit Sonntag weiß er, dass diese mindestens bis zum 25. März dauert, denn seine Tochter geht auf das Lüneburger Johanneum.

Meier klagte schon längere Zeit über Husten. Am Sonnabend bekam er 38,5 Grad Fieber. „Plötzlich war innerfamiliär eine Unruhe da. Können Kinder nicht das Virus übertragen, ohne Symptome zu zeigen?“, erinnert er sich an den Moment. Gleichzeitig wollte das Ganze aber zeitlich auch nicht so recht passen. Meier ruft die Hotline an und hängt 25 Minuten in der Warteschleife. Dann kommen die Fragen: Personalien? Wer wohnt im Haus? Diverse Fragen zu den Symptomen. „Es war schnell klar, dass ich einen Abstrich brauche“, erzählt Meier. Der Rest der Familie zeigte keinerlei Symptome. Alle dürfen das Haus nicht mehr verlassen. Am Montag soll Meier sich testen lassen. Eine schriftliche Anordnung der Quarantäne habe er bis heute nicht.

„Dann gab es eine familiäre Krisensitzung. Nüchterne und sachliche Analysen waren gefragt“, sagt Meier. Sie seien sich schnell sicher gewesen, dass sie über die Runden kommen. Der Arbeitgeber wird informiert. „Meine Frau und ich arbeiten im öffentlichen Dienst. Man muss ehrlich sein, da können wir glücklich sein“, sagt Meier. Seine Frau macht Homeoffice, er meldet sich krank.

Dann kommt das Schwierigste: Der Sohn hat am Sonntag Geburtstag, er wird fünf Jahre alt, die Feier muss endgültig abgesagt werden. Tränen fließen. „Darf man den weinenden Sohn noch in den Arm nehmen? Schließlich sollen wir innerhäuslich Abstand halten“, fragt sich Meier. Vater und Mutter versprechen, dass die Feier nachgeholt wird. „Er hat sich dann schnell wieder gefangen. Kleiner Mann, ganz groß“, sagt der Vater.

Es habe sich schnell herumgesprochen, dass die Familie in Quarantäne muss. Freunde, Bekannte und Arbeitskollegen melden sich, viele bieten ihre Hilfe an und drücken die Daumen.

Den Sonntag feiert die Familie mit dem Sohn Geburtstag. „Spiele, Kerzen, Kuchen, Geschenke – nur alles ohne Gäste“, erzählt Meier. Nachbarn und Freunde stellen Geschenke für das Geburtstagskind vor die Tür. „Eine Freundin bringt unter anderem eine Rolle Klopapier. An Humor darf es auch in der Krise nicht fehlen“, meint Meier. Nachmittags verschärft sich die Lage, als die Quarantäne für die Schüler des Johanneums angeordnet wird.

Am Montag macht sich Meier auf zum Test. „Ich bekomme ein Röhrchen gereicht und stehe einem Arzt im Vollschutzanzug gegenüber“, schildert er. Am Dienstag kommt bereits die Mitteilung, dass der Test negativ ausgefallen ist. In Quarantäne bleibt die Familie trotzdem bis zum 25. März.

Mit den Tagen habe sich auch eine gewisse Routine ergeben, schildert Meier. Die Tochter sitzt vormittags am Rechner und macht die Schulaufgaben, seine Frau arbeitet im Homeoffice. Benötigte Einkäufe werden von den Nachbarn vor die Tür gestellt. Bei gutem Wetter sitzt die Familie mit ausreichend Abstand auf der Terrasse und hält Smalltalk mit Nachbarn, die in zehn Metern Entfernung auf dem Gehweg unterwegs sind. „Langweilig ist uns bisher nicht. Die dynamische Nachrichtenlage trägt einen Teil dazu bei“, sagt Meier.

VON LARS LOHMANN

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