Prozess gegen eine Uelzener Angeklagte: Lüneburger Landgericht sucht Hinweise auf Todeszeitpunkt

Die ersten Atemzüge des Babys

Für den Prozess gegen eine Uelzener Auszubildende am Landgericht versuchen Rechtsmediziner, den Todeszeitpunkt ihres Babys zu bestimmen. Foto: dpa

Uelzen/Lüneburg. „Der Säugling hat höchstens eine halbe Stunde gelebt“, berichtete die Gutachterin vom Rechtsmedizinischen Institut Hamburg, das die Obduktion der Uelzener Babyleiche im November letzten Jahres vorgenommen hat, gestern im Lüneburger Landgericht.

Es habe mindestens so viele Atemzüge gemacht, dass die Sauerstoffversorgung bis zum Magen des kleinen Körpers vorgedrungen war. Das könne allerdings je nach Konstitution auch schon in den ersten fünf Minuten stattgefunden haben, erklärt die Medizinerin den Beteiligten im Strafprozess gegen eine 21-jährige Auszubildende aus Uelzen, deren totes Baby im November vergangenen Jahres in ihrer Wohnung gefunden wurde.

Mühsam versucht die Kammer, mit Hilfe mehrerer Sachverständiger den Todeszeitpunkt des kleinen Mädchens einzugrenzen und Hinweise auf den Geburtstermin zu finden. Die junge Mutter hatte bei der Notfallaufnahme im Celler Krankenhaus am Nachmittag des 9. November 2011 behauptet, nie schwanger gewesen zu sein und auch kein Kind auf die Welt gebracht zu haben. Schon kurze Zeit später suchten Uelzener Polizisten in der Wohnung der Angeklagten in einem Uelzener Mehrfamilienhaus nach dem verschwundenen Baby. „Rötliche Anhaftungen“, beschreibt einer der drei Uelzener Kripobeamten, der noch am gleichen Abend mit der Tatortaufnahme betraut war. „Im Flur, im Bad und im Schlafzimmer.“ Dann die grausige Entdeckung: „Ein grauer Müllbeutel im Kleiderschrank – unverschlossen, aber zugewickelt.“

Wie lange hat das Baby dort gelegen? Die Staatsanwaltschaft hatte in der Anklage einen Zeitraum vom Abend des 5. November bis zum Morgen des 7. November eingegrenzt. „Der Leichnam war in einem erstaunlich guten Zustand“, bestätigt die Hamburger Medizinerin aus dem Obduktionsergebnis, allerdings hänge es maßgeblich von der Raumtemperatur des Ablageortes der Leiche ab. Die Angeklagte macht nach wie vor keinerlei Angaben zu dem Geschehen. Sie sei zu dem maßgeblichen Zeitpunkt nach einem Sturz ohne Bewusstsein gewesen. Doch während sich die sachverständigen Mediziner über die Bildermappe der Kriminalpolizei beugen und ihre Beobachtungen und Erkenntnisse laut vernehmbar austauschen, sitzt die junge Frau in der Anklagebank und beginnt immer wieder zu weinen. Auch die Schöffin, die einzige Frau auf der Richterbank, bleibt nicht unberührt.

Inzwischen gibt der Vorsitzende der Lüneburger Jugendkammer Axel Knaack das Fragerecht an die Mediziner und Sachverständigen weiter und versucht, die für die rechtliche Bewertung wesentlichen Schlüsse aus dem Expertengespräch herauszufiltern. Daten, Fakten und Erkenntnisse der verschiedenen Sachverständigen lassen ein diffuses Bild über das kurze Leben des kleinen Mädchens entstehen, das im November letzten Jahres in Uelzen zu Tode kam.

Zum nächsten Verhandlungstag am Dienstag, 10. Juli, plant Knaack, sich mit dem gesundheitlichen Zustand der Angeklagten zu befassen, die erst sieben Tage nach Aufnahme des Ermittlungsverfahrens in der Medizinischen Hochschule Hannover untersucht worden war.

Von Angelika Jansen

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