Heroin-Dealer wird vom Amtsgericht verurteilt, während seine Frau ein Kind zur Welt bringt

Erst ans Wochenbett, dann ins Gefängnis

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Eine Bewährungsstrafe kommt für Richter Rainer Thomsen nicht in Betracht: „Nicht bei Heroin“, begründet er sein Urteil gegen einen Uelzener Drogendealer.

Uelzen. Freud und Leid liegen für M. in diesen Tagen eng beieinander. Denn während sich der heroinabhängige Drogendealer vor dem Amtsgericht Uelzen verantworten muss, liegt seine Frau in den Wehen.

Für den werdenden Vater steht viel auf dem Spiel: Ihm droht im Fall einer Verurteilung eine mehrjährige Gefängnisstrafe.

M. wird nicht nur der Besitz und Handel mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge vorgeworfen. Der 32-jährige Uelzener soll auch einen Kunden mehrfach geschlagen und ihm damit gedroht haben, ihm mit einem Hammer den Schädel einzuschlagen. Glück für den Beschuldigten: Das vermeintliche Opfer A. macht von seinem Auskunftsverweigerungsrecht Gebrauch, weil er sich durch seine Aussage selbst belasten würde. „Ich hab’ auch nicht mehr so viel Erinnerung“, lautet dessen offizielle Erklärung. „Ich bin ja auch süchtig.“

Dafür bringt eine gute Freundin des Heroinabhängigen A. etwas Licht ins Dunkel. Nachdem sie sich angefreundet hatten, habe ihr A. nicht nur offenbart, dass er Heroin nimmt, sondern auch, dass er große Angst vor seinem Dealer hat. Der habe A. wegen Drogenschulden ins Gesicht geschlagen, ihm eine Kopfnuss verpasst und mit dem Tod gedroht: „Er hat zu mir gesagt, der Hammer, mit dem M. ihm den Schädel einschlagen will, läge schon bereit.“

Dealer und Kunde hätten in der selben Straße gewohnt: „Er hat permanent gezittert und sich nicht mehr auf die Straße getraut“, berichtet die Freundin. Trotzdem sei er wieder zu M. gegangen, um sich neuen Stoff zu besorgen. Ein paarmal habe sie den Freund begleitet.

Er hat zu mir gesagt, der Hammer, mit dem M. ihm den Schädel einschlagen will, läge schon bereit.

„Ich konnte mir nicht vorstellen, wie man vor einem Menschen so große Angst haben kann, weil er ja auch Frau und Kinder hat“, sagt sie. Sie selbst habe M. als autoritär empfunden.

Schließlich sei sie es gewesen, die alleine zu M. gegangen sei, um die Schulden ihres Freundes zu begleichen. „Da war er sehr aggressiv, sodass auch ich Angst vor ihm hatte.“

Weil die Zeugin aber nicht dabei war, als ihr Freund von M. attackiert worden sei, beantragt die Staatsanwaltschaft, das Verfahren wegen räuberischer Erpressung und Körperverletzung gegen M. einzustellen.

Den Handel mit Heroin räumt der Beschuldigte aber ein. Seine Anwältin versucht alles, damit M. mit einer Bewährungsstrafe davonkommt. Immerhin habe er nicht mit Heroin gedealt, um sich zu bereichern, sondern um seine eigene Sucht zu finanzieren. Darum schlägt sie als Bewährungsauflage eine freiwillige Therapie vor: „Er hat dann die Möglichkeit, sich selbst zu beweisen.“

Doch für Richter Rainer Thomsen ist Bewährung keine Option: „Nicht bei Heroin.“ Er verurteilt M. zu zwei Jahren und sechs Monaten Gefängnis und geht damit sogar über die Forderung der Staatsanwaltschaft hinaus. Außerdem ordnet er die Unterbringung in einer Entziehungsklinik an.

Noch während der Urteilsverkündung kommt der Anruf, dass M. zum zweiten Mal Vater geworden ist. Richter Thomsen erlaubt dem Verurteilten noch, kurz ins Krankenhaus zu fahren. Doch der Geburtstag seines Kindes ist gleichzeitig der Tag, an dem M. ins Gefängnis muss.

Von Sandra Hackenberg

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