Eine Uelzenerin berichtet

Ersatz für die Heroin-Spritze: An der Brauerstraße wird Methadon ausgegeben

Psychiater Folke Sumfleth übernimmt die Ausgabe der Substitutionsmittel. Mit einer Maschine wird die Menge dosiert.
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Psychiater Folke Sumfleth übernimmt die Ausgabe der Substitutionsmittel. Mit einer Maschine wird die Menge dosiert.

Uelzen – Es waren stets die ersten Gedanken am Morgen: „Ist noch genügend Stoff da? Und wenn nein, reicht das Geld, um welchen zu kaufen?“ Die Uelzenerin Inga M. * hat über Jahre Heroin konsumiert.

Erst durch die Nase, schließlich setzte sie sich Spritzen, berichtet Inga M. im Gespräch mit der AZ. Heute gehört sie zu jenen Frauen und Männern, die regelmäßig Räume an der Brauerstraße in Uelzen aufsuchen. Dort unterhält der Verein „Die Brücke“ eine Ausgabestelle für den Drogenersatz Methadon und vergleichbare Präparate.

An der Brauerstraße hat die Ausgabestelle seit Jahren ihren Sitz.

 

Der Fachbegriff lautet Substitution. Durch die Einnahme von Methadon, Polamidon oder Buprenorphin entfallen die Entzugserscheinungen. Fast 80 000 Menschen nutzen zurzeit in Deutschland Substitutionsprogramme.

70 Menschen nutzen Substitutionsstelle

Im Landkreis Uelzen existieren zwei Substitutionsärzte, einer von ihnen betreut die JVA. Zudem gibt es eben die Ausgabestelle an der Brauerstraße. „Etwa 70 Personen nutzen die Ausgabestelle“, berichtet Folke Sumfleth, der die Organisation übernimmt.

Mithilfe eines Urintests wird ermittelt, ob das Methadon regelmäßig eingenommen wird.

Drogenkonsum ist nicht selten mit Beschaffungskriminalität verbunden. Körper und Geist leiden. Ziel der Substitution sei es, so Sumfleth, das Überleben der Menschen zu sichern. Bei der Einnahme gibt es „langfristig wenig Risiken“, wenngleich auch zum Ersatzmittel eine Abhängigkeit besteht.

„Es ist sehr entspannt“, sagt Inga M., wenn sie es mit ihrem Leben in der Heroinabhängigkeit vergleicht. Die heute 53-Jährige entstammt der Generation der „Kinder vom Bahnhof Zoo“. Die Lebensgeschichte von Christiane F. machte in den 1980er Jahren mit Buch und Film bundesweit auf das Schicksal süchtiger junger Menschen aufmerksam.

Die Uelzenerin Inga M. berichtet von ihrer „dominanten Mutter“, von einem Schattendasein in der Familie, als sie von der AZ nach den Gründen für ihren Drogenkonsum gefragt wird. Sie streicht sich mit der Hand übers Gesicht, streift die Haare, die unter der Wollmütze hervorlugen, zur Seite. In Hamburg habe sie sich das Heroin besorgt, erzählt Inga M. Der Verkäufer, der mit dem Stoff dealte, sei 14 Jahre alt gewesen.

Einnahme wird kontrolliert

Im Substitutionsprogramm erhält sie den Ersatz dreimal wöchentlich an der Brauerstraße. Eine Maschine füllt die benötigte Menge in einen Becher, der im Beisein von Folke Sumfleth oder eines Kollegen ausgetrunken werden muss. Kontrolliert wird, ob der Substitutionspatient Alkohol getrunken hat. Ein zu hoher Promillepegel könne zu Komplikationen bei der Einnahme des Ersatzes führen, sagt Sumfleth.

Mit einem Urintest ermitteln die Mitarbeiter der Ausgabestelle, ob der Ersatzstoff regelmäßig eingenommen und welche Droge als sogenannter Beikonsum von den Männern und Frauen konsumiert wird. Methadon und vergleichbare Präparate als Ersatz für Heroin haben keine berauschende Wirkung. Den Kick holt man sich so über andere Drogen, die nicht in dem Maße wie Heroin in die Abhängigkeit führen.

„Seit zwei Jahren ist Kokain ein zunehmendes Thema“, berichtet Sumfleth. Es sei auf dem Markt günstig und mit hohem Reinheitsgrad von Drogenkonsumenten zu erstehen, weiß der Psychiater zu berichtet. Inga M. konsumiert, wie sie berichtet, gelegentlich noch Cannabis. „Auch Alkohol ist ein Thema“, sagt sie.

Ausgabe ist freiwillige Leistung

Die Uelzenerin hat wegen ihres Drogenkonsums eine Therapie gemacht. Sie erzählt von einem Rückfall. Seit 2006 ist sie nach eigenen Angaben nun dauerhaft im Substitutionsprogramm als Ersatz fürs Heroin. „Du entscheidest dich entweder dafür oder dagegen“, sagt die 53-Jährige. Sie könne Menschen nicht verstehen, die erklärten, sie hätten vergessen, zur Substitutionsstelle zu gehen.

Die Ausgabe von Methadon ist eine freiwillige Leistung, sie kann auch versagt werden, wenn das Ziel – das Überleben zu sichern – nicht zu erreichen ist. Ohnehin: Nicht jeder Heroinsüchtige nutzt das Angebot. Sumfleth schätzt: „Wir kennen hier 50 Prozent der Heroinsüchtigen.“ *Name geändert

VON NORMAN REUTER

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