Auschwitz-Überlebende berichten von Gräueltaten im Konzentrationslager / Schüler stellen Fragen

Erinnerungen an Ort des Schreckens

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Eva Pusztai-Fahidi berichtet gestern in Uelzen über ihr Schicksal. Begleitet wird sie von Rechtsanwalt Thomas Walther.

Uelzen. Alles begann in einer Kleinstadt wie Uelzen. „Mein Leben war sicher“, erzählt Hedy Bohm mit leiser Stimme. Schule, Familie und Freunde: „Es war ein Durchschnittsleben.“

Stille. Hedy Bohm, die als Nebenklägerin im Lüneburger Auschwitz-Prozess aussagt, blickt in die ernsten Gesichter der Uelzener Schüler, die im Herzog-Ernst-Gymnasium ihren Erinnerungen aus dem Konzentrationslager (KZ) Auschwitz-Birkenau lauschen. Sie wissen, dass die Sicherheit in Bohms Leben nicht von langer Dauer war. Und Hedy Bohm will, dass die Jugendlichen erfahren, was genau sich hinter den Mauern des Lagers Auschwitz-Birkenau abgespielt hat – jenem Ort, an den sie 1944 mit ihrer Familie verschleppt wurde.

„Drei Tage und drei Nächte waren wir zusammengepfercht in diesen Güterwaggons – 80 bis 90 Leute“, übersetzt ihr Dolmetscher in die Mikrofone der Journalisten, die sich zwischen dem Kabelgewirr am Boden drängen und ihre Kameras zwischen Hedy Bohm und Eva Pusztai-Fahidi hin und her schwenken. Die 89-Jährige wird heute ebenfalls im Prozess als Nebenklägerin zu Wort kommen.

In Uelzen berichtet sie von den Gräueltaten im KZ, von quälender Ungewissheit und Erniedrigung. „Ich habe lange Zöpfe gehabt. Auf einmal stand ich da – kahl geschoren und splitternackt“, schildert Eva Pusztai-Fahidi, die 1925 in Ostungarn zur Welt kam. Hedy Bohm hat dasselbe erlebt – dieses „Gefühl von Scham und Demütigung“.

Beide Frauen haben als Jugendliche ihre Familien in Auschwitz verloren. In Fünferreihen wurden sie aufgestellt und gezählt, in Baracken unter grauenhaften Umständen festgehalten. Die Suppe, die man ihnen vorsetzte, habe wie „Abwaschwasser“ geschmeckt, beschreibt die 86-jährige Hedy Bohm. „Wir haben uns gegenseitig die Nasen zugehalten und gesagt: Du musst essen“, erinnert sich Pusztai-Fahidi. „In Auschwitz war immer alles am schrecklichsten.“

Auf welche Weise sich die Menschen im KZ versucht hätten, von ihrer Todesangst abzulenken, will eine Schülerin wissen. Eva Pusztai-Fahidi überlegt, bevor sie zu sprechen beginnt. Über Literatur habe man sich ausgetauscht – es zumindest probiert, bis der Hunger die Gedanken wieder um Rezepte und Speisen der Vergangenheit kreisen ließ. „Wenn man richtig hungrig ist, tut es physisch weh, über Essen zu sprechen.“

Eine andere Schülerin fragt Hedy Bohm nach dem Zeitpunkt ihrer Entscheidung, das Erlebte in Worte zu fassen. „Es war für mich psychologisch notwendig, nicht darüber nachzudenken und mich daran zu erinnern“, sagt die Frau, die in Rumänien zur Welt kam. Sie habe auch lange nach der Befreiung unter schweren Alpträumen gelitten, sagt sie – bis ihre Tochter zur Welt kam. Ihr habe sie ehrliche Antworten geben wollen – so wie den Uelzener Schülern am vergangenen Montag und den vielen Menschen, die am Abend in das Uelzener Rathaus kamen, wo Bohm und Pusztai-Fahidi noch einmal berichteten. Die Gänge, der Rathausflur – überall saßen und standen Besucher. Sie wollten hören, was die Überlebenden zu sagen haben. Unter ihnen auch wieder Schüler. Das Berufliche Gymnasium der BBS I ist mit den 12. Klassen vertreten. Es sind junge Menschen, von denen Hedy Bohm sagt: „Ich sehe in Euch diejenigen, die die Zukunft retten.“

Von Anna Petersen

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