Erinnerungen an Heute

Männer...

...ändern sich in wesentlichen Teilen nie. Zum Beispiel lässt die männliche Aggressionsstruktur schon kleine Männer in Konkurrenz zueinander treten, wenn sie beim Wett-Pinkeln („Wer schafft’s am weitesten?“) frühen Siegerposten nachjagen.

Später wetteifern sie mit der Schönheit ihrer Freundinnen („Wer hat die Schönste im ganzen Land?“, qualitativer Wettbewerbs-Aspekt) oder deren Anzahl („Wer hat die meisten Freundinnen in welchem Zeitraum?“, quantitativer Aspekt). Noch später knallen wir uns – wie in einer der besten TV-PR-Gags der Vergangenheit – die Fotos bei Klassentreffen auf den Tisch: „Hier ist unser erster Wohnsitz, hier das Ferienhaus direkt am Strand, hier meine Yacht am Mittelmeer.“ Zwecks Vergleich, um zu siegen.

Wir konkurrieren mit allem: Scheichs mit der Anzahl ihrer Frauen und/oder Flugzeugen, Schriftsteller mit der Anzahl ihrer Bücher. Auf den frühen Kongressen des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS) stellte man sich mit der Angabe der Zentimeter einander vor, mit denen die Buchrücken der eigenen Veröffentlichungen gemessen werden konnten. Ich erinnere noch, dass ich gehorsamst meinen Namen holperte, als ich Thaddäus Troll („Deutschland deine Schwaben“) vorgestellt wurde und hinterher stotterte „4 cm“. Das war mein erster Roman, eine… ist ja egal. Und Thaddäus Troll (alias Dr. Baier) amüsiert erwiderte: „Troll – 54 cm, das wächst schon noch, mein Junge.“

Konkurrieren hört nie auf. Bei keinem Mann. Vor genau einer Woche erzählte ich glücklich, dass ich voraussichtlich in der kommenden Nacht oder dem Tag, es war der 12.11.13, ein zweites Mal Großvater werden würde. Unsere Ältere wartete mit ihrem Mann Gilles bereits auf der Entbindungsstation des Uelzener Klinikums mitsamt einem tollen Team dort von Arzt, Hebamme und Schwester auf das Erscheinen des neuen kleinen Menschen.

Ich wurde von unserem Professor für Medizin jäh unterbrochen: „Das zweite Enkelkind, sagen Sie?“ und ich Ahnungsloser bestätige glücklich.

„Zwölf habe ich, zwölf Enkel!“ höre ich und weiter, dass ich mich noch anstrengen müsse.

Wieso ich? Und wieso anstrengen? Ich steige aus aus dem Wettbewerb. Und preise nur das neue Glück. Julica heißt es. Und ich bin unter qualitativen Aspekten garantiert Sieger.

Von Hans-Helmut Decker-Voigt

Hans-Helmut Decker-Voigt ist Senior-Professor für Musikpsychotherapie der Musikhochschule Hamburg, arbeitet in Lehre und Forschung und als Schriftsteller. Er ist erreichbar unter: Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de

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