Erinnerungen an heute

„Ich bin die Ilse…

… so stellte sie sich Neuzuzüglern vor, unsere letzte Postbotin, und fügte hinzu: „Das ist so auf dem Lande.“

Frau Adamczyk war aus folgenden Gründen die letzte „richtige“ Postbotin für mich und die Familie: Sie brachte noch täglich kleine Postberge zur meist berechenbaren gleichen Tageszeit zu denen, die beruflich auf „Post“ angewiesen waren. Heute stapeln sich diese kleinen Berge im elektronischen Briefkasten als „E-Mail“ und die Nachfolger der Frau Günnels oder Frau Rölings in Hösseringen oder Frau Adamczyks in Hanstedt und aller ihrer weiblichen und männlichen Kollegen dieser Welt bringen nur noch „Reste der alten Post“ und vorwiegend Werbung.

Sie, die alten Boten, umgab ein Hauch von Mystik, denn ihr Beruf war Jahrtausende vor dem deutschen Herrn Generalpostmeister Thurn und Taxis schon in der Gesellschaft des Alten Testaments fest verankert, brachte Freud und Leid, Drama oder Entspannung. Bei Leid und Drama fürchteten Boten wie alle Kuriere und Boten bei schlechten Nachrichten um ihr Leben.

Was prägte eine Frau Adamczyk und ihre alte Schule? Es prägte sie, dass sie den Alltag ihrer Kunden prägte, Schicksalsbotin war. Sie brachte Urlaubsgrüße und Bußgeldbescheide, schwarzumränderte Briefe und Geburtsanzeigen, Mahnungen und Einladungen, lang ersehnte Post von halb Vermissten und Post, die überraschend überfiel (Finanzamt oder Amtsgericht). Oft wussten die Botinnen, was sie brachten und hatten Ankündigendes im Gesicht: Aufmunterung für eine vereinsamte Witwe, der sie vor der bunten Postkarte schon zuriefen: „Da hat jemand an dich gedacht!“

Oder bei Gerichtsschreiben mit persönlicher Aushändigung und Gegenzeichnung des Erhalts „Trag’s mit Fassung – ich weiß, dass du ein anständiger Mensch bist.“

Unsere Ilse Adamczyk war außerdem, was die Frau Pastor früher für Herrn Pastor war: Rechtzeitige Zulieferantin von Freud und Leid in der Gemeinde, denn der Maurermeister, den sie geheiratet hatte und mit ihm drei ganz besonders tüchtig gewordene Söhne großzog, wurde Bürgermeister. Einer, der wie die guten Könige im Märchen unter sein Volk ging, diesem zuhörte, tröstete, sich mitfreute, nachfragte. „Menschenfreundlichkeit“ und „Offenheit“ sind heute anderen Worten gewichen: Empathie-Kompetenz…

ie Adamczyks waren ein kaum nachahmbares Modell: Beide in öffentlichen Ämtern, Postbotin und Bürgermeister. Es war ein modellhaftes Team, von dem wir einem Teil nun „Adieu“ sagen mussten. Und Danke. „A-dieu“ heißt auch soviel wie „Mit Gott“, von dem das Team viel hielt und hält, auch weil es sich oft halten und gehalten werden musste. Wie alle, die mit Menschen zu tun haben.

Hans-Helmut Decker-Voigt ist Senior-Professor für Musikpsychotherapie der Musikhochschule Hamburg, arbeitet in Lehre und Forschung und als Schriftsteller, Prof. Dr. Decker-Voigt@t-online.de

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