Große Feierstunde

Erinnerung an die Zwangsarbeiter: Gedenktafel auf dem Uelzener Friedhof aufgestellt

Landrat Dr. Heiko Blume an der Gedenk- und Erinnerungstafel, die über das Schicksal der bis zu 10 000 in Uelzen versklavten Zwangsarbeiter aufklärt. Sie wurde auf dem Ausländer-Gräberfeld des Uelzener Friedhofes aufgestellt.
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Landrat Dr. Heiko Blume an der Gedenk- und Erinnerungstafel, die über das Schicksal der bis zu 10 000 in Uelzen versklavten Zwangsarbeiter aufklärt. Sie wurde auf dem Ausländer-Gräberfeld des Uelzener Friedhofes aufgestellt.

Uelzen – Mit einer eindringlichen Feierstunde haben am Mittwoch Vertreter aus Familie, Schule, Politik und Kirche der Zwangsarbeitsopfer des Zweiten Weltkriegs in Uelzen gedacht.

Zu der Feierstunde aus Anlass der Aufstellung einer Gedenk- und Erinnerungstafel auf dem Ausländer-Gräberfeld des Uelzener Friedhofes hatte die Apollonia-Oberschule eingeladen.

Der Pole Piotr Stefan Piasecki

Vor allem die Klasse 9c unter Leitung ihres Klassenlehrers Frank Heinrich hatte, nach insgesamt dreieinhalbjähriger Projektarbeit, im vergangenen Schuljahr gemeinsam mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge eine Gedenk- und Erinnerungstafel gestaltet, die von der Sparkassen-Stiftung finanziert wurde und jetzt über das Schicksal der bis zu 10 000 in Uelzen versklavten Zwangsarbeiter aufklärt.

Am Beispiel des polnischen Zwangsarbeiters Piotr Stefan Piasecki, der – verschleppt aus seiner Heimat – bereits mit 24 Jahren bei einem Luftangriff auf den Uelzener Bahnhof im Februar 1945 getötet wurde, hatten sich die Schüler intensiv mit der Uelzener Geschichte und der des Nazi-Regimes beschäftigt. Heute liegen auf dem Uelzener Gräberfeld die Leichname von 188 getöteten Zwangsarbeitern beerdigt. In Gedenksteinen sind 106 bekannte Namen eingraviert.

Zu den Gästen sprach am Dienstag auch der Großneffe des getöteten Piasecki, Michal Pawlowski, der gemeinsam mit seiner Mutter aus Polen angereist war – und sich ins Gästebuch der Stadt eintragen konnte. „Der Krieg hat damals die Zukunftsträume der drei Brüder in der Familie brutal zerstört“, sagte Pawlowski. Erst 2015 konnte die Familie auch mit Hilfe aus Uelzen das Schicksal des verschollenen Piasecki klären und 2016 das Grab erstmals besuchen.

Am Dienstag nun legten Bürgermeister Jürgen Markwardt, Landrat Dr. Heiko Blume, Karl-Friedrich Boese für den Volksbund, die Familienangehörigen sowie für die Kirchen Propst Jörg Hagen und Pater Piotr Stepniak Blumen am Grab des Getöteten nieder. Musikalisch umrahmt wurde die Feierstunde vom Posaunenchor Oldenstadt, von Gitarrenmusik von Julian Willms und Geigenspiel von Elena Schultz. Die Apollonia-Schüler entzündeten für jeden Beerdigten ein Grablicht und stellten es unter der Gedenk- und Erinnerungstafel ab.

Zuvor hatten die Ehrengäste zu ihren Zuhörern gesprochen. Apollonia-Schulleiterin Imke Pape würdigte in ihrer Begrüßungsrede wie alle nachfolgenden Sprecher das Engagement der Schüler und ihres Klassenlehrers. „Ein großes Dankeschön, dass ihr euch der Vergangenheit gestellt habt. Krieg ist nicht so weit weg, wie wir uns das vorstellen“, sagte Pape. Die „Immunisierung gegen rechtsextreme Positionen“ sei immens wichtig.

Uelzens Bürgermeister Jürgen Markwardt sagte, man komme zu keinem glücklichen Ereignis zusammen. Er sei aber glücklich, „dass sich Menschen mit dem Thema beschäftigen“ und lobte die tolle Arbeit der Schüler. Mit Blick auf die jüngsten Vorgänge am Berliner Reichstag sagte er: „Die Dummheit der Menschen stirbt leider nicht aus. Es ist deshalb umso wichtiger, dass wir nicht vergessen.“

Landrat Blume, der vor allem als ehrenamtlicher Kreisvorsitzender des Volksbundes sprach, wies auf das „passende Datum“ für die Veranstaltung hin, die auf den 1. September 1939, den Überfall auf Polen und Kriegsbeginn, hinweise. „Viele Hände haben angepackt gegen Geschichtsvergessenheit“, sagte er und bat die Familie des getöteten Piasecki ausdrücklich um Verzeihung.

Die Veranstaltung schlossen Propst Jörg Hagen und Pater Piotr Stepniak mit einer Andacht und einem Gebet in polnischer Sprache. In einer Zeit, in der Antisemitismus und Rassismus wüchsen, sagte der Propst, sei „das Erinnern und Gestalten ein Zeichen der Hoffnung. Aus Trauer wächst die Warnung: Nie wieder!“ VON CHRISTIAN HOLZGREVE

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