Serie „Schätze oder verlorene Plätze?“ – Die Ottenburg / Anlage in Veerßen wird 1485 verwüstet

Teil 5: Erdwälle voller Geschichte

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An die Ottenburg erinnern heute noch die aufgeschütteten Erdwälle, wie Stadt- und Kreisarchäologe Fred Mahler erklärt. Geschichtliches zur Anlage finden Besucher auch auf einer Infotafel.

Uelzen-Veerßen. Ein glücklicher Start in eine Ehe sieht anders aus. Als Anna von Estorff am 9. Juni 1485 mit ihrem Bräutigam in Uelzen vorm Altar steht, verwüsten Schergen das Anwesen der Familie in Veerßen. Die Schäden sind gewaltig.

„Ein Wiederaufbau wäre zu teuer geworden“, sagt der Nachfahre Ernst von Estorff. Es ist das Ende der Ottenburg.

Die aufgeschütteten Erdwälle erinnern heute noch an die Burganlage, die 1485 verwüstet wurde.

Heute ist das Burggelände bei Spaziergängern, Joggern und Hundebesitzern beliebt. Unter den Füßen raschelt es – mit den Jahrhunderten wuchsen Bäume in die Höhe, die im Sommer Schatten spenden und im Herbst das bunte Laub verlieren. Blätterregen. Ortsmagie.

Mit Kindern der Veerßer Grundschule mache er gelegentlich Rundgänge über das Burgareal, sagt Ernst von Estorff. Das komme an.

Überreste einer Gruft, die aber deutlich später entstand, sind noch zu sehen.

Wenngleich keine Gebäudereste mehr zu entdecken sind, der Besucher bekommt eine Vorstellung von der Größe des Anwesens. Aufgeschüttete Erdwälle zeugen heute noch von den Ausmaßen. „Es muss ein enormer Aufwand gewesen sein, dieses Plateau aufzuschütten“, sagt Stadt- und Kreisarchäologe Fred Mahler. Die Erdmassen müssen noch mit Manneskraft und Pferdestärken bewegt werden. Wann dies geschieht, ist unklar.

Die von Estorffs sind nicht die Bauherren. Die Familie erwirbt 1292 die Burganlage von der Familie von Hitzacker – für „zwei mal hundert Lüneburger Pfennige“. Eine Fotokopie der Kaufurkunde hängt im heutigen Wohnhaus von Ernst von Estorff. „Es war eine stattliche Summe. Weit mehr, als für eine landwirtschaftliche Liegenschaft zu zahlen gewesen wäre“, schildert der Nachfahre.

Die Familie schien damals das Geld aufbringen zu können und war auch Willens, es auszugeben – das hatte seine Gründe, wie von Estorff zu berichten weiß. Der Stammsitz der Familie liegt im heutigen Landkreis Lüneburg in Barnstedt. Noch heute lebt ein Familienzweig dort. Die Luft dort sei aber im 13. Jahrhundert wohl dünner geworden. Die Familie mit Handelsrechten für die Lüneburger Saline hatte nicht nur Freunde.

Um Ärger aus dem Weg zu gehen, entsteht die „Dependance“, wie Ernst von Estorff es nennt, im Süden an der wichtigen Verbindung von Lüneburg über Uelzen nach Braunschweig. Kaufleute müssen an ihr Wegezölle zahlen – eine Einnahmequelle.

Das Anwesen, in das die Familie zieht, ist eher ein festes Haus als eine massive Burg – „viel Fachwerk, ein Turm, im Süden mit Holzpalisaden und den aufgeschütteten Erdwällen geschützt“, so von Estorff. Im Norden und Westen bieten Moor und Wasserflächen Schutz. Es reicht nicht, wie der 9. Juni 1485 zeigt.

Das Burgareal in Veerßen lässt sich von der Parkstraße aus erreichen.

Finanzgeschäfte führen in die Katastrophe, Grundstücke und Gebäude werden beliehen, Ansprüche geltend gemacht. Details lassen sich Jahrhunderte später nicht mehr klären. Fest steht, die Angreifer haben leichtes Spiel, weil die Familie nicht in der Burganlage weilt und diese so kaum geschützt ist. Überlieferungen nach jedoch ist das eher ein Zufall als gewollt, denn die Aggressoren wollen eigentlich schon eher eintreffen, noch bevor die Hochzeitsgesellschaft gen Uelzen zieht. „Sie wollten vielmehr Schaden anrichten“, meint von Estorff knapp.

Im nördlichen Bereich baut die Familie anschließend neu. Von diesem Renaissance-Anwesen sind nur noch Grundmauern erhalten, auf denen zum Teil das Haus steht, in dem von Estorff mit seiner Familie jetzt lebt.

Was womöglich noch von der Ottenburg im Erdreich schlummert, ist nicht geklärt. Archäologische Grabungen fanden bisher nicht statt. Mit der Universität Hamburg sei er im Kontakt, um bei Gelegenheit mit Hilfe von Sondentechnik mögliche Überreste zu identifizieren, schildert Fred Mahler. Das werde aber nicht in naher Zukunft der Fall sein. Vorerst bleibt es damit bei gelegentlichen Rundgängen mit Grundschülern. Die Jungen und Mädchen hören dann von Rittern und Prinzessinnen. Geschichten, die faszinieren. Auch gut 630 Jahre nach einem missglückten Hochzeitstag.

Von Norman Reuter

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Auf einen Blick

Die Ottenburg

Geschichte: Der Zeitpunkt der Entstehung ist ungeklärt. Bevor die Ottenburg 1292 an die Familie von Estorff verkauft wurde, gehörte sie zum Besitz der Familie von Hitzacker. 1483 wurde bereits einmal versucht, die Burganlage einzunehmen. Das scheiterte. Schließlich wurde sie 1485 verwüstet und von der Familie anschließend aufgegeben.

Die Lage: Das Burgareal mit Erdwällen und Graben liegt im Nordosten des Uelzener Ortsteils. Es ist zu Fuß oder mit dem Rad leicht zu erreichen, ein Ausflug bietet sich an. Ein Weg führt zu den noch zu entdeckenden Erdwällen, die für den Bau aufgeschüttet wurden. Der Pfad startet in Veerßen an der Parkstraße, wo diese in den Krempelweg mündet. Das Areal ist in Privatbesitz, kann aber betreten werden. Es gilt natürlich: Die Stätte darf betrachtet, aber keinesfalls verändert werden. Die Eigentumsverhältnisse sind zu beachten.

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