Uelzenerin jahrelang als Kind sexuell missbraucht – sie fordert ein Ende der Stulpe-Ausstellung

Das Entsetzen ist wieder da

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Der Täter war ihr Onkel: Fünf Jahre lang war M. Helga B. in ihrem Zuhause fast täglich sexuellen Angriffen ausgesetzt. Das ist fast 60 Jahre her. Nach der Diskussion um Wolfgang Stulpes Bilder ist alles wieder da, sagt sie – „die Schmach, das Entsetzen, die Scham“.

Uelzen. „Keinem betroffenen Kind und Jugendlichen wird die Aufarbeitung auf diese Art und Weise gelingen“, sagt M. Helga B. aus Uelzen.

Ihr ist die Ausstellung der Bilder von Wolfgang Stulpe im Uelzener Rathaus vollkommen unverständlich, da sie selbst in ihrer Kindheit sexuellen Missbrauch erfahren hat. „Im Namen aller missbrauchten Kinder und Jugendlichen“ will sie nun nicht mehr schweigen und bittet die Verwaltung, die Bilder nicht hängen zu lassen. So erübrige sich auch der Flyer im Ausstellungsheft über den ehemaligen Leiter des Kunstvereins und Lehrer, der in Uelzen jahrelang Jungen sexuell missbraucht hat und sich vor zehn Jahren kurz nach Bekanntwerden dieser Tat das Leben nahm. „Beim besten Willen kann ich mir nicht vorstellen, dass kunstsachverständige Menschen sich die Bilder von Herrn Wolfgang Stulpe mit Freude und Begeisterung anschauen können, bei dem Wissen, welchen Schaden er den Schutzbefohlenen zugefügt hat. “ Betroffene würden immer wieder durch die „Huldigung des Künstlers“ an ihren seelischen Schaden erinnert. Sie kritisiert deshalb die Aussage von Prof. Dagmar Bussiek von der Lüneburger Leuphana-Universität, dass die Bilder hängen bleiben sollten und eine Aufarbeitung des Themas im Sinne der Betroffenen notwendig sei (AZ berichtete).

„Ich war fest der Meinung, ich hätte es geschafft, dann las ich die Artikel in der Zeitung und erlebte einen Zusammenbruch, den ich nicht für möglich gehalten hätte“, schildert M. Helga B. zitternd und zutiefst aufgewühlt, „es war alles wieder da, hat mich überwältigt, die Schmach, das Entsetzen, die Scham, die Hilflosigkeit nach so vielen Jahren.“ Die 1943 Geborene hat mit zwei Jahren im Krieg ihre Mutter verloren, ihre Tante wurde zu ihrer Pflegemutter. „Ich wuchs beschützt durch meine Großeltern und meine Pflegemutter auf“, erzählt sie. „Als ich neun Jahre alt war, heiratete meine ,Mutter’ meinen Onkel. Es begann für mich ein Märthyrium, das ich fünf Jahre lang ertragen musste.“ In der gemeinsamen Wohnung sei sie fast täglich den sexuellen Angriffen ihres Onkels ausgeliefert gewesen. „Vor Scham, Kummer und Hilflosigkeit konnte und habe ich mich niemandem anvertrauen können, weder meiner Familie noch meinen Freunden.“

Erst viele Jahre später sprach sie mit ihrem Mann, ihren erwachsenen Kindern und engsten Vertrauten ansatzweise darüber. „Man muss immer wieder an sich arbeiten und es ist wichtig, dass man trotz der Erfahrungen ein positiver Mensch bleibt“, findet sie und versuchte daher das Thema zu verdrängen. Sobald sie etwa durch Medien daran erinnert wurde, habe sie „sofort dicht gemacht und wollte es nicht an sich heranlassen“. Dennoch holten ihre jahrelangen Missbrauchserfahrungen sie oft wieder ein. Mehrere psychisch somatische Kuren und etliche psychotherapeutische Sitzungen, in denen immer wieder über ihre schlimmen sexuellen Erfahrungen gesprochen wurde, seien dazu nötig gewesen, dass sie gesundheitlich in der Lage war, ihr Leben in den Griff zu kriegen. „Ich wollte mich nie von diesen Geschichten unterkriegen lassen“ – das war ihr wichtig.

„Es ist unverantwortlich, dass diese kranken pädophilen Menschen das erste sexuelle Erwachen der Kinder und Jugendlichen auf so entsetzliche und entwürdigende Weise ausnutzen.“ Insbesondere wenn Pädagogen oder nahe Verwandte ihre krankhafte Neigung an Kindern auslassen, die ihnen vertrauen oder anvertraut wurden, sagt sie. „Leider ist es so, dass uns Betroffenen eine so wichtige Zeit in unserer Entwicklung, nämlich unsere unschuldige Kinder- und Jugendzeit, genommen worden ist.“ Deshalb zeigt sie sich entsetzt und erschüttert darüber, „wie wenig sensibel die Verwaltung und auch Prof. Bussiek mit der Problematik der betroffenen geschädigten Kinder und Jugendlichen umgehen, das macht mich fassungslos“, sagt die Uelzenerin. „Ich mache Ihnen den Vorschlag, versteigern sie die Bilder an Kunstliebhaber, die nur die Kunst dahinter sehen und mit dem Wissen leben können und hängen sie an die freien Plätze andere Kunstgegenstände, die ihrer würdig sind.“

Von Diane Baatani

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