Der Gefangenenfürsorgeverein will diesen Fall verhindern / Ein Einblick in die Zeit nach dem Strafvollzug

Entlassung in die Sinnlosigkeit

Uelzen. Außerhalb der dicken Gefängnismauern ist die Zeit nicht stehen geblieben. Sie ist gerannt. Vielleicht zehn oder 15 Jahre. „Die Welt hat sich verändert nach langjährigen Strafen“, sagt Linda Hofweber.

Und die Sozialarbeiterin der Justizvollzugsanstalt (JVA) Uelzen weiß: Das Gefühl am ersten Tag in Freiheit ist oft ein Diffuses, irgendeines zwischen Freude und Angst.

Der Angst nimmt sich Linda Hofweber an – und zwar als neue Vorsitzende des Gefangenenfürsorgevereins, einem kleinen Kreis Ehrenamtlicher, der bedürftige Inhaftierte, ihre Angehörigen und eben auch jene unterstützt, die ihre Strafe bereits abgesessen haben. Manchmal mit einem Ratschlag, manchmal mit Geld.

Linda Hofweber

Denn wer aus dem Gefängnis entlassen wird, braucht schnellstens zwei Dinge: Arbeit und eine Wohnung. Und da beginnen die Probleme, erklärt Linda Hofweber. Bezahlbarer Wohnraum sei knapp. „Und bis die Antragsformalitäten beim Jobcenter fertig sind, ist die Wohnung längst weg.“ Wer die Kaution nicht zahlen kann, darf auf eine schnelle finanzielle Hilfe auf Darlehnsbasis aus dem Vereinstopf hoffen. „Sonst werden die Menschen wieder in diese Sinnlosigkeit entlassen.“

Bürokratie ist eine Hürde, die Hofweber und ihr Team mit den ehemaligen Inhaftierten überwinden – eine von vielen. Beispiele: Das Handy kann auf einmal Dinge, von denen früher nicht zu träumen war, die Familien haben sich mit der Situation allein arrangiert und dann die schwierige Arbeitssuche: Früher habe vielleicht ein Schweißerpass zur Anstellung ausgereicht, so Hofweber. „Heute müssen sie schon für einen 400-Euro-Job eine Bewerbung schreiben – und die muss auch noch gut aussehen.“

Manchmal, sagt die 46-Jährige, beginnen die Probleme schon hinter den Mauern der JVA: „Wer gesundheitsbedingt nicht arbeiten kann – 34 oder 36 Euro Taschengeld bekommt –, kann nie Geld sparen.“

Es gibt Monate, in denen die fünf Ehrenamtlichen keine einzige Beratung durchführen, dann wieder kommen alle geballt – oft im Winter, wenn die Obdachlosigkeit keine Option mehr sei, „weil die Menschen vielleicht erfrieren würden“. Und immer wieder sind es auch Familienangehörige von Inhaftierten – häufig Frauen –, die plötzlich vor einem Loch stünden. „Wem kann ich was sagen, wem nicht?“, laute eine häufige Frage, und wer sich zum Beispiel im Krankheitsfall um die Kinder kümmere. Die Angst vor Ausgrenzung schwebt über allem. Darum hat sich die Vereinsvorsitzende vor allem eines auf die Fahne geschrieben: Sie will die früher einmal straffällig gewordenen und jene, die ein Gefängnis noch nie von innen gesehen haben, miteinander ins Gespräch bringen. „Inhaftierte und ihre Familien genießen eine schlechte Lobby.“

Von Anna Petersen

Rubriklistenbild: © Petersen

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