Das Ende des großen Sterbens

Wie der Landkreis Uelzen vor 100 Jahren das letzte Jahr des Ersten Weltkriegs erlebte

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Eine Gruppe deutscher Soldaten, die während der großen Frühlingsoffensive im April 1918 an der Westfront in britische Kriegsgefangenschaft geraten war.

Uelzen. Das Ende des Ersten Weltkrieges jährt sich 2018 zum 100. Mal. Doch wie wurde damals in der Allgemeinen Zeitung vom Krieg berichtet? Woher kamen die Informationen und wie gingen die Menschen im Landkreis mit dem Ersten Weltkrieg um?

Und was bekamen sie überhaupt vom letzten Kriegsjahr 1918 mit?

Ein deutscher Soldat posiert vor einem im Westen erbeuteten britischen Panzer.

Zu Anfang des Jahres bestimmen die schleppenden Friedensverhandlungen zwischen den Bolschewiki und dem Deutschen Reich in Brest-Litowsk die Berichterstattung. Das Ziel des Unterhändlers der Bolschewiki, Trotzki, sei es, die Verhandlungen zu verschleppen und im Geheimen zu Umsturzversuchen auf den Gebieten der Mittelmächte aufzurufen. „Dass in Russland inzwischen alles drunter und drüber geht, scheint den fanatischen Umstürzlern wenig Sorge zu bereiten“, schreibt die AZ im Januar 1918. Als dann am 3. März der Friedensvertrag unterzeichnet wurde, hieß es: „Das ist das große Ereignis, (...), das Kräfte für die Entscheidung im Westen freimacht.“ Diese Kräfte werden für die Frühjahrsoffensive des Deutschen Reiches an der Westfront eingesetzt, bei der auf Seiten des Deutschen Reiches rund 400 000 Soldaten fallen und auf Seiten der Briten, Franzosen und Amerikaner über eine halbe Million. Über das Jahr hinweg wird jetzt von den vermeintlichen militärischen Erfolgen gegen die Entente berichtet. Ihre Informationen erhält die Allgemeine Zeitung wie auch andere Zeitungen im Deutschen Reich von eigens eingerichteten Abteilungen des Militärs und des Auswärtigen Amtes. Jegliche offiziellen Nachrichten von der Front unterliegen einer strengen Zensur.

Doch im Anzeigenteil und den amtlichen Bekanntmachungen der AZ finden sich Hinweise auf ein anderes Bild. So gibt der Landrat Gustav Albrecht bekannt, dass man unter Vorlage der Lebensmittelkarte noch 100 Gramm Teigwaren, 100 Gramm Sago und einen Suppenwürfel erhält. Insgesamt sei zwar die Versorgung mit Lebensmitteln auf dem Land besser gewesen als in der Stadt, aber auch auf dem flachen Land habe es Mangel gegeben, sagt Ulrich Brohm, Leiter des Museumsdorfs Hösseringen. Es habe auch Landverschickungen von Kindern aus der Großstadt in den Landkreis gegeben. „Die Bauern unterlagen einer strengen Lebensmittelzwangsbewirtschaftung und waren verpflichtet, ihre Erzeugnisse abzugeben. Die Frage ist natürlich, ob sie es auch wirklich getan haben“, sagt Brohm. Wer erwischt wurde, den erwarteten harte Strafen. So wurde ein Bauer im Landkreis Harburg für das Unterschlagen von Eiern mit zwei Jahren Zuchthaus bestraft, meldet die AZ im Mai 1918.

Auch bei der Allgemeinen Zeitung gibt es Probleme: Es mangelt während des Krieges oft an Papier und Druckerschwärze. „Es gab sogar Tage, wo überhaupt keine Zeitung erschienen ist, weil gar kein Papier vorhanden war“, berichtet der Uelzener Lokalhistoriker Horst Hoffmann.

In den Todesanzeigen gefallener Soldaten spiegeln sich unterdessen Resignation und Kriegsmüdigkeit wieder. Hieß es 1914 zu Beginn des Ersten Weltkrieges fast immer „starb den Heldentod fürs Vaterland“, kann es 1918 auch heißen „fand einen sinnlosen Tod im großen Völkerkrieg“ oder „fiel im unsäglichen großen Weltkriege“.

Die Entwicklungen des Jahres 1918 gipfeln dann im Matrosenaufstand von Kiel, der die Novemberrevolution auslöst. Am 9. November ruft dann der SPD-Politiker Philipp Scheidemann vom Balkon des Reichstages die Republik aus. Kaiser Wilhelm II. hat inzwischen abgedankt und flieht ins Exil in die Niederlande. Gleichzeitig werden überall im Deutschen Reich Arbeiter- und Soldatenräte ins Leben gerufen – im Landkreis Uelzen bilden sie sich laut Brohm in Ebstorf, Bevensen und Uelzen.

Von Lars Lohmann

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