Einsamkeit löst Angst aus

Psychiatrische Klinik Uelzen ist auf weitere Auswirkungen der Corona-Krise vorbereitet

Sind auf die Zeit nach der eigentlichen Corona-Krise vorbereitet (von links): Pflegedienstleiter Robert Hayduk, Chefärztin Dr. Ulrike Buck sowie Geschäftsführer Kai-Wolfhard Richter von der Psychiatrischen Klinik Uelzen.
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Sind auf die Zeit nach der eigentlichen Corona-Krise vorbereitet (von links): Pflegedienstleiter Robert Hayduk, Chefärztin Dr. Ulrike Buck sowie Geschäftsführer Kai-Wolfhard Richter von der Psychiatrischen Klinik Uelzen.

Uelzen – Nähe ist eine der wichtigsten Grundlagen bei der Therapie psychisch kranker Menschen.

Was aber, wenn Abstand plötzlich oberstes Gebot ist? Auf die Psychiatrische Klinik Uelzen sind seit Beginn der Corona-Pandemie eine Vielzahl unterschiedlicher Herausforderungen hinzugekommen.

„Seit Mitte März sind wir dabei, uns täglich auf neue Bedingungen einzustellen“, erklärt Chefärztin Dr. Ulrike Buck. Den Vorgaben der Landesregierung sei man seit März fast immer einige Schritte voraus gewesen: „Wir haben schon längst Masken getragen, bevor das verpflichtend wurde.“ Entsprechend gebe es keinen einzigen infizierten Patienten.

Aber das ist nur ein Aspekt der derzeitigen Situation: „Der überwiegende Teil der Menschen leidet hierzulande nicht unter dem Virus, sondern unter sich selbst.“ Die derzeitige soziale Distanz führe oft zu Einsamkeit und Ungewissheit, was Ängste und Depressionen hervorrufen könne.

Für die Arbeit in der Klinik bedeutet das derzeit einen regelrechten Spagat: Soziale Nähe muss zum Wohl der Patienten trotz körperlicher Distanz hergestellt werden. „Wir begleiten die Menschen Stück um Stück durch die Krise“, sagt Pflegedienstleiter Robert Hayduk.

Schwierig, so Dr. Buck, sei die Lage aber auch für Menschen mit Vorerkrankungen: „Oft haben Menschen mit Angsterkrankungen die Lage im Griff, weil sie Sport, Arbeit und soziale Kontakte haben. Wenn das wegfällt, kann ein früheres Trauma wieder aufbrechen.“

Ein Lösungsansatz waren viele Telefonate sowie Videosprechstunden. Die Chefärztin: „In Krisensituationen ist das sicherlich eine Möglichkeit. Aber sie ersetzt nicht unsere normale Arbeit.“ Inzwischen würden immer mehr Patienten nach den ersten Erfahrungen mit Telefonie und Video wieder um persönliche Gespräche bitten.

Für Menschen mit schizophrenen Erkrankungen seien die Auswirkungen der Corona-Krise erfahrungsgemäß weniger relevant, da diese Menschen in eigenen Relationen lebten.

Ein interner Krisenstab setzte sich in der intensiven Zeit der Krise täglich mit den aktuellen Herausforderungen auseinander. Als Reaktion wurde unter anderem die Bettenzahl verringert: „Zum Glück haben wir gerade rechtzeitig einen neuen Trakt eröffnet. Damit ließen sich die Abstandsregelungen gut erfüllen.“

Besonders in Zeiten wie dieser zeige sich, wie stark das Team sei, betont Geschäftsführer Kai-Wolfhard Richter: „Es ist ein neues Gemeinschaftsgefühl bei den Mitarbeitern entstanden. Alle haben toll mitgezogen.“ Richter kennt das Haus besonders gut, er arbeitet seit 20 Jahren für den Trägerverein „Die Brücke“, war zuvor Personalleiter, bevor er Anfang dieses Jahres die Geschäftsführung der 300 Mitarbeiter zählenden Einrichtung übernahm.

Die Führungskräfte der Psychiatrischen Klinik Uelzen sind sich der Tatsache bewusst, dass die Auswirkungen der Corona-Krise erst noch auf sie zukommt: „Das Deutsche Ärzteblatt hält in einem aktuellen Artikel fest, dass die Einschränkung der persönlichen Freiheit nicht ohne Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Menschen bleiben wird“, sagt Chefärztin Dr. Buck. Unter anderem hätten Alkohol- und Nikotinkonsum erheblich zugenommen: „Wir stellen eine Zunahme von Suchterkrankungen fest. Abhängigkeiten werden zunehmen. Der Konsum von Alkohol in Zeiten persönlicher und gesellschaftlicher Krisen ist ein gelernter Bewältigungsmechanismus.“

Das allerdings erhöhe zusammen mit Stress die Wahrscheinlichkeit aggressiven Verhaltens, was Auswirkungen auf die Familie haben könne. Dr. Buck hält fest: „Wir sind auf alles vorbereitet. (VON MICHAEL MICHALZIK)

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