Annegret Krogmann betreut Demenzkranke in ihrem „Café Vergissmeinnicht“

Einsam sein macht krank

Die Ergotherapie des Klinikums stellt Annegret Krogmann (Mitte) Gesellschaftsspiele für ihr Café bereit. Auch wenn sich die anderen Teilnehmer schon kennen, sei die Gruppe immer offen für neue Besucher, betont die Krankenschwester. Foto: Ph. Schulze

Uelzen. Knapp vier Jahre ist es her, als ein Brief mit dem Angebot einer beruflichen Weiterbildung in die Neurologische Station des Klinikums Uelzen flatterte: „Pflegeexpertin für Demenzerkrankte“ – daraus entwickelte Annegret Krogmann eine Lebensaufgabe und das „Café Vergissmeinnicht“.

Wegen ihrer ehrenamtlichen Arbeit wurde sie nun für „Mensch 2011“, eine Aktion der Allgemeinen Zeitung und der Sparkasse Uelzen Lüchow-Dannenberg, in der Kategorie Ehrenamt nominiert.

„Eigentlich war eine andere Kollegin für die Ausbildung vorgesehen“, erinnert sich die 55-Jährige, „aber irgendwie wollte es der Zufall, dass ich den Kurs belegt habe.“ Ein glücklicher Zufall, wie sich herausstellte: Nicht nur für die vielen Menschen, denen die 55-Jährige seitdem geholfen hat – auch für sie selbst, wie sie berichtet. Nach einer privat sehr schweren Zeit drohte die Krankenschwester „in ein Loch zu fallen“. Nachdem sie über viele Jahre hinweg gleich mehrere Angehörige gepflegt und beim Sterben begleitet hatte, war eine große Leere in ihr Leben getreten. Die Ausbildung sollte alles verändern. Von vielen wichtigen Bekanntschaften und neuen Erfahrungen spricht die Wriedelerin und betont: „Ich habe immer den Eindruck, dass Menschen mit Demenz hinter verschlossenen Türen gehalten werden.“ Sie habe gesehen, wie andernorts mit der Krankheit umgegangen würde: „Irgendwann bin ich in Gießen in einem Demenz-Café gewesen und habe gleich gewusst: wenn ich hier fertig bin, wird das mein Ding.“ Nur zwei Monate später saß der erste Gast in ihrem „Café Vergissmeinnicht“, das sie ehrenamtlich neben ihrer Arbeit als Krankenschwester initiierte. Wenig später waren es schon sechs Besucher und heute kommen regelmäßig an die zwölf Menschen mit Demenz zu Krogmanns Treffen und genießen die drei Stunden Kaffee und Kuchen, Klönen, Singen, Spielen und Spazieren gehen. Bis zu vier ebenfalls ehrenamtliche Helfer unterstützen die Pflegerin.

Im Speisesaal der Klinik-Angestellten fallen keine zusätzlichen Kosten an, ihre selbstgebackenen Kuchen und kleinere Ausgaben finanziert Annegret Krogmann durch ihren Weihnachtsbasar und Spenden. Große Sprünge könne sie nicht machen, aber es reiche, lächelt sie bescheiden. Natürlich wäre es schön, ihr Café zwei Mal im Monat zu öffnen, und einen Traum habe sie: „Ich will einmal mit meinen Gästen eine Tour auf dem Ausflugsdampfer in Hitzacker machen.“

Nein, die Arbeit im „Vergissmeinnicht“ und ihre 30-Stunden-Woche als Krankenschwester würde nicht zu viel Zeit kosten, stellt Annegret Krogmann klar. In jenen Jahren, als sie ihre Angehörigen bis in den Tod begleitet habe, wäre kaum Zeit für sie selbst geblieben, aber das sei jetzt anders. „Ich komme nicht zu kurz“, versichert sie und wirkt sehr zufrieden. Eigentlich sei das Angebot als Entlastung für die Angehörigen gedacht, um ein paar Stunden für sich zu haben, während die Patienten in professioneller Obhut seien, berichtet die 55-Jährige und fügt lachend hinzu: „Viele finden es so nett bei uns, dass sie bleiben und Kaffee trinken.“ Inzwischen sei aus den Besuchern eine feste Gruppe gewachsen, beinahe familiär, berichtet die Wriedelerin. Anfänglich jedoch dauerte es etwas, bis sich Interessierte meldeten. „Mir kommt das ein bisschen so vor, wie in den sechziger Jahren, als sich die Familien mit behinderten Kindern versteckt haben. Demenz ist keine ansteckende Krankheit. Aber das begreifen die Menschen noch nicht und verstecken sich aus Scham“, ärgert sie sich und erzählt von Fällen, in denen sich der Freundeskreis von Betroffenen und deren Angehörigen zurückziehe. „Einsam sein macht doppelt krank“, fasst sie zusammen.

Vor dem eigenen Altwerden habe sie keine Angst, versichert Annegret Krogmann. Nur einen großen Wunsch hat sie: „ich möchte nicht vergessen werden. Das ist das Schlimmste, was es gibt.“ Der Name ihres Cafés soll daran erinnern.

Von Lea Bernsmann

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