Eine Reise durch ein Jahrhundert

Gut gelaunt und quietschfidel: Die gebürtige Wesselburenerin.

Uelzen - Von Diane Baatani. „Die glückliche Geburt eines kräftigen Mädchens zeigen hocherfreut an Th. Ruß und Frau Luise, geborene Meister.“ Das war heute vor 103 Jahren in Wesselburen bei Büsum, zeigt auch die Geburtsurkunde von Elsa Albanus, geborene Ruß. Die Eigenschaft, die der Uelzenerin anscheinend schon zur Geburt anzusehen war, hat sie den Ersten und den Zweiten Weltkrieg sowie eine Vielzahl trauriger und glücklicher Erlebnisse überstehen lassen, „die man auch nicht vergessen kann“, sagt die 103-Jährige und schüttelt nachdenklich den Kopf.

Sie erinnert sich an ihre „schöne Jugendzeit“, abgesehen von den „schrecklichen Kriegen“. An einer Hauswirtschaftsschule hat sie gelernt und von ihren ersten Gehältern Lakritzstangen und saure Bonbons gekauft. Mit Anfang 20 besuchte sie regelmäßig die Bälle des HSV und lernte in Hamburg kennen, wer Rang und Namen hatte. Deshalb gehört noch heute zu Elsa Albanus’ Tagesablauf das tägliche Zeitunglesen. Nach der AZ arbeitet sie immer die größten Hamburger Blätter durch.

Die geborene Elsa Ruß ist aufgeschlossen und vielseitig interessiert. Sie widmet sich zurzeit der Vogelkunde, schlägt alle unbekannten Arten, die ihren Garten besuchen, im Fachbuch nach und amüsiert sich königlich darüber, wie Spechte und Rotkehlchen ihren Nachwuchs füttern. „Ich sehe gar kein Fernsehen mehr, ich habe Hunderte von Vögeln – so etwas Schönes“, erklärt sie und strahlt.

Aber Freud und Leid liegen eng beieinander, von der Fütterung der Vogelfamilien kommt sie auf ihre eigene Situation, als sie während des Zweiten Weltkrieges nicht nur Tochter Edda, sondern auch den Neffen gestillt hat. Das bedeutete für die zweifache Mutter, das Sperrgebiet um Wesselburen zu verlassen, den Neffen im Krankenhaus aufzusuchen und zwischendurch immer wieder dem Militär zu erklären, wie notwendig es ist, den Säugling regelmäßig zu stillen.

Die Kriegsgefangenen, die bei Familie Ruß lebten, wurden heimlich mit Getränken und Essen versorgt. Die Familie habe sich von keiner Partei vereinnahmen lassen, nicht nur, weil man wegen des heimischen Bäckereibetriebes alle Kunden gebraucht habe, berichtet die gebürtige Wesselburenerin.

Während des Krieges blieb ihr Geburtsort verschont, am Ende trafen die Bomben Wesselburen dann doch. „Das möchte ich nie wieder erleben“, betont Albanus, als sie sich daran erinnert, wie die Handwerker und Feuerwehrmänner des Ortes bei dem Angriff ums Leben kamen.

Ihr Bruder kehrte nicht aus dem Krieg zurück, die Nachricht sorgte bei Vater Ruß für einen Herzschlag. So gab Elsa Albanus’ Familie die Bäckerei auf und zog nach Hamburg. Ihr Mann, Oberstudienrat Dr. Ernst Albanus, der heute 110 Jahre alt wäre, richtete in einer zerstörten Schule in Hamburg eine Wohnung für die Familie ein, später ging es nach Ahrensburg.

Tochter Edda Albanus-Koch ließ sich nach ihrer Heirat in Uelzen nieder, und nach dem Tod ihres Mannes 1970 und ihres Sohnes 1978 folgte Elsa Albanus der Jüngsten. Um ihren Enkel Matthias kümmerte sie sich fortan besonders intensiv. Zu zweit verbrachten sie die Ferien in Berchtesgaden und Salzburg, „kletterten die Berge rauf und runter“, als sie 77 Jahre alt war. Sie erinnert sich noch heute an die Forelle, die sie dort serviert bekamen: „Wir haben gut gelebt“, sagt sie und lacht.

Einen Geheimtipp für ihr langes Leben kann sie nicht nennen, aber sicher sei es von Vorteil, dass sie immer viel gearbeitet habe und bei ihrer Familie leben konnte. Einen „ersten Geburtstag“ hat sie gerade erst gefeiert, als ihr Herzschrittmacher ein Jahr alt wurde. Für heute ist eine kleine Geburtstagsrunde mit Verwandten und einem Besuch von Uelzens Bürgermeister Otto Lukat angesagt.

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